Erster Vortrag
Nun betrachten wir demgegenüber den Moment des Aufwachens. Dieser Moment des Aufwachens besteht darin, daß der Mensch wiederum anfängt zu erleben erstens seine Lust, sein Leid, seine Freude, seinen Schmerz, alles das, was er an Trieben und Begierden und so weiter in den verflossenen Tagen erlebt hat. Das erlebt er heute nach und nach wieder; das ist das erste. Das zweite aber, das ihm wiederersteht beim Aufwachen, das ist sein Ich-Bewußtsein. Aus dem unbestimmten Dunkel des menschlichen Erlebens während des Schlafens treten mit dem Aufwachen heraus die Seelenerlebnisse und das Ich. Nun haben wir, wenn der Mensch aufwacht, einmal uns zu sagen: Ja, hätte der Mensch nur dasjenige an sich, was in der Nacht im Bette liegen geblieben ist, während er schläft, dann würde der Mensch nicht Schmerz leiden, er würde nicht Freude und Lust und alles dasjenige, was seine Seelenerlebnisse sind, erleben können. Das könnte er nicht, der Mensch. Denn dasjenige, was da liegt im Bette, ist im wahren Sinn des Wortes wie eine Pflanze: es lebt wie eine Pflanze, es erlebt nicht solche Erlebnisse wie Freude und Schmerz und so weiter. Aber dasjenige, was der innere Mensch ist, das erlebt ja in der Nacht auch nicht solche Erlebnisse, und dennoch ist dieser innere Mensch der Träger der Seelenerlebnisse. Nicht dasjenige, was im Bette liegt, hat Leid und Schmerz, hat Lust und Freude, sondern dasjenige, das beim Einschlafen hinausgegangen ist in die große Welt, in den Makrokosmos. Daraus können wir ersehen, daß zu dem Erleben von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden, Leidenschaften, von Sympathie und Antipathie, außer dem astralischen Leib noch etwas anderes notwendig ist, nämlich, daß er untertauchen muß in dasjenige, was der äußere Mensch ist, was eben im Bette liegengeblieben ist. Wenn der Mensch nicht untertaucht in dasjenige, was im Bette liegengeblieben ist, so fühlt er nicht seine inneren Seelenerlebnisse. Wir können also sagen: Dasjenige, was wir ausgegossen haben in der Nacht in den Makrokosmos, in die große Welt, das wird uns im normalen menschlichen Leben dadurch erst wahrnehmbar, daß wir des Morgens untertauchen in das, was im Bette liegengeblieben ist.
Cite:
GA 119/1910-03-21_02/p027 · edition original