Erster Vortrag
Während also der Ekstatiker sich verbreitet über den Makrokosmos, verengt sich der Mystiker mit seiner inneren Wesenheit in den Mikrokosmos hinein. Und nun zeigt sich etwas höchst Merkwürdiges. Beide Erlebnisse, das des Ekstatikers, wenn er gewisse Ereignisse und Wesenheiten draußen sieht, und das des Mystikers, wenn er gewisse Gefühle innerlich erlebt, die man sonst nicht erleben kann, stehen in einem gewissen Verhältnis, das man in folgender Weise charakterisieren kann: Unsere Welt, die wir sehen mit unseren Augen und die wir hören mit unseren Ohren, erregt in uns gewisse Gefühle von Lust und Schmerz und so weiter -, das fühlen wir, daß das im normalen Leben zusammengehört. Der eine Mensch kann sich mehr freuen über die Dinge und Geschehnisse der Außenwelt, der andere weniger; aber das sind nur Gradunterschiede, das sind keine solchen Unterschiede wie die in dem furchtbaren, vehementen Schmerz und wiederum in den Verzückungen des Mystikers gegenüber dem gewöhnlichen Erleben. Da sind allerdings gewaltige Unterschiede vorhanden zwischen dem, was der gewöhnliche Mensch erleben kann, und dem, was der Mystiker erlebt an inneren Seligkeiten und an inneren Verzückungen und Qualen. Das ist ein gewaltiger Unterschied in der Qualität. Ebenso ist ein gewaltiger Unterschied zwischen dem, was der gewöhnliche Mensch mit seinen Augen sehen und mit seinen Ohren hören kann, und dem, was der Ekstatiker wahrnimmt, wenn er einer Welt hingegeben ist, die nicht ähnlich ist der Sinnenwelt. Wenn man den Ekstatiker aber beschreiben lassen würde seine Welt und dann den Mystiker anhörte und ihn beschreiben lassen würde seine Seligkeiten und Verzückungen und Qualen, dann würde man sagen können: Ja, durch solche Wesenheiten und Tatsachen, wie sie der Ekstatiker sieht, kann dasjenige hervorgerufen werden, was der Mystiker erlebt. Wenn man auf der anderen Seite den Mystiker hören würde, dann würde man sagen: So etwas wäre auch möglich, wenn man die Erlebnisse des Ekstatikers hat; man könnte glauben, der Ekstatiker beschreibe diese Welt.
Cite:
GA 119/1910-03-21_02/p033 · edition original