Zweiter Vortrag
Im allgemeinen ist schon angedeutet worden, welches das Verhältnis ist zwischen dem Wachzustand und dem Schlafzustand des Menschen, und es ist gesagt worden, daß der Mensch aus dem Schlafzustand heraus sich die Kräfte holt, die er während des Wachzustandes braucht, um sein Seelenleben aufzubauen. Nun sind diese Dinge eigentlich viel komplizierter, als man gewöhnlich denkt, und wir werden heute einiges Genauere über den Unterschied zwischen dem menschlichen Wach- und dem Schlafzustand vom Gesichtspunkte der Geistesforschung aus zu sagen haben. Ich bemerke nur gleichsam nebenbei, wie in einer Art Parenthese, daß wir hier davon absehen können, all die mehr oder weniger interessanten Hypothesen zu berühren oder aufzuzählen, welche die Physiologie der Gegenwart aufgestellt hat, um den Unterschied zwischen Schlaf- und Wachzustand zu erklären. Das könnte ja sehr leicht geschehen, würde uns aber nur von der eigentlichen geisteswissenschaftlichen Betrachtung dieser Zustände ablenken. Es braucht höchstens gesagt zu werden, daß ja die gewöhnliche heutige Wissenschaft, wenn sie den Menschen im Schlafzustande vor sich hat, eigentlich nur das vom Menschen betrachtet, was in der physischen Welt zurückgeblieben ist, was wir gestern charakterisieren konnten als den physischen Leib und den Äther- oder Lebensleib des Menschen. Dieser physischen Wissenschaft ist ja das vollständig fremd - und man braucht sie deshalb nicht abzuurteilen, sie hat ein gewisses Recht, ihren Standpunkt in einseitiger Weise geltend zu machen -, was nur für die Geistesforschung, für den geöffneten Blick des Sehers, eine Wirklichkeit bedeuten kann, nämlich dasjenige, was sich im Einschlafen heraushebt aus dem Äther- oder Lebensleib und dem physischen Leib des Menschen, und was wir gestern charakterisieren konnten als das menschliche Ich und den astralischen Leib. Dieses menschliche Ich und der astralische Leib sind also, während der Mensch schläft, in einer geistigen Welt, während sie dann, wenn der Mensch wacht, in der physischen Welt sind, gleichsam untergetaucht in den physischen Leib und den Äther- oder Lebensleib.
Cite:
GA 119/1910-03-22/p003 · edition original