Zweiter Vortrag
Nun haben wir aber damit nur die eine Seite des menschlichen Seelenlebens während des Schlafes geschildert. Wir müssen auch noch die andere Seite dieses Schlaflebens schildern, die nun in dem Entgegengesetzten besteht. Wir haben den einschlafenden Menschen geschildert, betrachten wir jetzt den aufwachenden Menschen, der aus dem Schlafesleben wiederum in die physische Welt zurückkehrt. Was geht denn da eigentlich vor mit dem Menschen, der am Morgen beim Aufwachen wiederum in die physische Welt zurückkehrt? Am Abend war es so, daß ihn eine gewisse Macht herausgetrieben hat aus seinem physischen Leib und seinem Äther- oder Lebensleib. Diese Macht ist am Abend dadurch befähigt zum Heraustreiben, weil der Mensch ihr zuerst unterliegt. Er unterliegt in späteren Stadien seines Schlafes den beiden anderen Einflüssen, den Einflüssen auf die Verstandes- oder Gemütsseele und auf die Bewußtseinsseele. Wenn aber diese Einflüsse stattgefunden haben, dann ist der Mensch etwas anderes, als er vorher war. Der Mensch verändert sich während des Schlaflebens, und die Veränderung zeigt sich einfach dadurch, daß der Mensch am Abend ermüdet ist und heraus muß aus seinen Leibeshüllen und daß er am Morgen nicht mehr ermüdet ist und die Fähigkeit hat zurückzukehren. Dasjenige, was mit ihm während des Schlafes geschehen ist, gibt ihm die Fähigkeit, wiederum zurückzukehren in sein Leibesleben. Derselbe Einfluß, der sich in gewissen abnormen Zuständen in unserer Traumwelt geltend macht, der wirkt auch während des ganzen Schlaflebens auf den Menschen, auch dann, wenn keine Träume vorhanden sind; und auch der dritte Einfluß ist immer vorhanden, der beim Nachtwandler zum Vorschein kommt und sich bei anderen Menschen nur nicht auslebt. Alle diese Einflüsse machen sich geltend während des Schlaflebens. Wenn sich letztere beiden Einflüsse, derjenige auf die Verstandes- oder Gemütsseele und der auf die Bewußtseinsseele, geltend gemacht haben, dann ist der Mensch gestärkt und gekräftigt, er hat aus der geistigen Welt heraus jene Kräfte gesogen und gezogen, welche er braucht im nächsten Tagesleben, um die äußere physische Welt wiederum zu erkennen und zu genießen. Es ist vorzugsweise der Finfluß auf die Verstandes- oder Gemütsseele und auf die Bewußtseinsseele, die den Menschen in der Nacht kräftigen. Dann aber, wenn er gekräftigt ist, ist es derselbe Einfluß, der den Menschen herausgetrieben hat aus dem Leibesleben, nur macht er sich jetzt in umgekehrter Weise geltend, welcher den Menschen am Morgen beim Aufwachen wieder zurückführt in seinen physischen und Ätherleib hinein. Dieselbe Macht, die den Menschen des Abends herausgetrieben hat, bringt ihn des Morgens wieder zurück, es ist der Einfluß auf die Empfindungsseele. Alles, was wir als den Inhalt der Empfindungsseele bezeichnen müssen, war am Abend ermattet, müde. Wie fühlen wir in unserer Empfindungsseele am Abend? Das können wir uns leicht vor die Seele stellen: Wenn wir frisch in das Tagesleben hineinleben, dann interessieren uns die Eindrücke der physischen Welt, die Eindrücke von Farbe, Licht, alle Gegenstände um uns herum, sie erfüllen uns mit Sympathie und Antipathie und bereiten uns Freude, Lust und Schmerz. Wir sind hingegeben an die äußere Welt. Was fühlt Freude, Schmerz, Leid, Lust, was nimmt Interesse in uns an den äußeren Gegenständen, was ist gleichsam in uns entzündet, wenn wir mit unseren Empfindungen hingegeben sind an die äußere Welt? Das ist eben die Empfindungsseele. Und diese lebendige Teilnahme an der äußeren Welt fühlen wir ermattet, wie gelähmt, wenn wir die Notwendigkeit des Einschlafens fühlen. Dasselbe, was wir am Abend gelähmt fühlen, fühlen wir am Morgen gestärkt, erfrischt. Wir wachsen hinein in den gewöhnlichen Tageszustand, wir fühlen, daß dieselben Erscheinungen der Empfindungsseele, die am Abend wie gelähmt waren, wiederum frisch auftreten, in erneuerter Gestalt sich geltend machen. Daraus erkennen wir, daß es dieselbe Macht ist, die uns am Abend herausgeführt hat und die am Morgen die erwachende Seele wiederum in den Leib hineinführt, denn was wir am Abend sozusagen ersterben fühlen, fühlen wir am Morgen wie neugeboren. Sie hat denselben Charakter, nur bewegt sie sich das eine Mal in der einen, das andere Mal in der entgegengesetzten Richtung.
Cite:
GA 119/1910-03-22/p010 · edition original