Dritter Vortrag
Alles, was der Mensch erleben lernt dadurch, daß er seine Empfindungsfähigkeit steigert, wie es jetzt geschildert worden ist, das entzieht sich als das Geistige des Weltenraumes dem gewöhnlichen Tagesanblicke. Es wird auch dem nächtlichen Anblick verdeckt. Denn was sieht der Mensch in der Nacht mit seinen gewöhnlichen Fähigkeiten, wenn er hinaufsieht in den Himmelsraum? Davon sieht er im Grunde genommen ebenso nur die Außenseite, wie von seinem eigenen Inneren, so daß dasjenige, was wir am Sternenhimmel sehen, der Leib ist eines Geistigen, das ihm zugrunde liegt. Wie wir, wenn wir auf unseren Leib mit unseren Augen sehen, den äußeren Ausdruck des Geistigen in uns sehen, so sieht der Mensch, wenn er des Nachts den gestirnten Himmel sieht, allerdings einen wunderbaren Bau, aber dieser ist der materielle Leib des kosmischen Geistes, der sich durch diesen Leib ausspricht in allen seinen Bewegungen, die uns äußerlich entgegentreten. Und wieder ist es so, daß für das gewöhnliche menschliche Bewußtsein sozusagen ein Schleier vorgezogen wird, ein Schleier sich ausbreitet vor alles das, was der Mensch sehen würde, wenn er geistig durchschauen würde, wie es jetzt geschildert worden ist, was sich ihm im Raume darbietet. Wie wir behütet werden vor unserem eigenen Innern, so werden wir im gewöhnlichen Leben behütet vor dem Schauen des Geistigen, das der äußeren materiellen Welt zugrunde liegt. Wenn wir im gewöhnlichen Leben stehen, so breitet sich das, was wir den Sinnesschleier nennen, aus vor dem, was geistig zugrunde liegt. Warum geschieht dies? Es gibt ein Gefühl, das sofort auftreten würde, wenn die Menschen das Geistige so ohne weiteres sehen würden. Wenn der Mensch das Geistige sofort sehen würde, ohne die Vorbereitung und Reife, die er durch das Miterleben der Naturvorgänge erwirbt, so würde er ein Gefühl erleben, das man nur ausdrücken könnte mit dem Wort: verwirrender Schreck, oder schrekkenvollste Verwirrung. Denn die Erscheinungen sind so großartig und gewaltig, daß die menschlichen Begriffe, die wir uns im gewöhnlichen Leben aneignen, wenn wir noch so viel erlernen, wahrhaftig nicht hinreichen, um diesen verwirrenden Anblick zu ertragen; der Mensch würde von einem Gefühle schreckvoller Verwirrung ergriffen werden, von einer ungeheuren Steigerung des Angst- und Furchtgefühles. So wie der Mensch von Scham verbrennen würde, wenn er in sein eigenes Innere hinuntersteigen würde ohne Vorbereitung, so würde er, wenn er in das Geistige der Außenwelt hineinsehen würde ohne Vorbereitung, förmlich erstarren vor Furcht, weil er sich wie in ein Labyrinth geführt empfinden würde. Nur dann, wenn die Seele sich vorbereitet durch solche Begriffe und Vorstellungen, welche sie über das gewöhnliche Erleben hinausführen, dann kann sie nach und nach sich gewöhnen, hinter die Sinneswelt zu schauen. Heute ist es ja durch das intellektuelle Leben nicht möglich - das wurde schon angedeutet -, daß der Mensch das durchmacht, was die Menschen damals in den nordischen Mysterien erlebten. Durch sein intellektuelles Leben kann der Mensch nicht mehr diese Steigerung der Frühlings- und Herbstempfindungen erleben. Heute denken die Menschen ganz, ganz anders als damals. Das Denken war dazumal noch nicht so ausgebildet. Die Intellektualität entwickelte sich erst nach und nach. Und mit der Entwickelung der Intellektualität ging für den Menschen auch die Möglichkeit verloren, solches durchzumachen. Aber der Mensch kann es in einer gewissen Beziehung im Spiegelbilde durchmachen auf eine indirekte Weise, dadurch, daß er diese Empfindungen nicht an den äußeren Naturvorgängen selbst erlebt, sondern an den Schilderungen und Beschreibungen, welche ihm aus geistigem Schauen heraus über die geistige Welt und ihre Zusammenhänge gegeben werden. Deshalb müssen heute in unserer Gegenwart allmählich solche Beschreibungen für die Menschen geliefert werden, wie sie zum Beispiel - ich sage das nicht aus Unbescheidenheit, sondern weil es gefordert ist - gegeben werden in meinem eben erschienenen Buch «Die Geheimwissenschaft». Da wird etwas von der Welt geschildert, was man äußerlich nicht wahrnehmen kann, und zwar aus einer Grundlage heraus - wir werden das noch sehen -, aus der so etwas geschildert werden kann; es wird geschildert, was der Welt geistig zugrunde liegt, und was derjenige sehen kann, der sich auf jene Weise vorbereitet hat, welche eben dargestellt worden ist. Ein solches Buch darf nicht gelesen werden wie ein anderes Buch - dazu ist es nicht da -, sondern es soll so gelesen werden, daß die Begriffe und Ideen, die darin enthalten sind, Gefühle auslösen, daß man wirklich in der vollen Stärke das in der Seele empfindet, was da in Begriffen und Ideen gegeben ist. Wenn man das so liest, daß man die stärksten Empfindungserlebnisse durchmacht in der Seele, dann sind diese Empfindungserlebnisse ähnlich, wie diejenigen waren, welche in jenen nordischen Mysterien Europas erlebt worden sind.
Cite:
GA 119/1910-03-23/p018 · edition original