Sechster Vortrag
Wir haben gestern zum Schlusse der Darstellung, die den eigentlichen tieferen mystischen Weg des Menschen gegeben hat, hinweisen müssen auf die Hauptgefahr, welche mit diesem mystischen Weg bei demjenigen verbunden war, der ihn in alten Zeiten ohne Führung gegangen wäre, in Zeiten, in denen es ja noch nicht diejenigen Methoden der Einweihung gegeben hat, die es jetzt gibt, und von denen wir später sprechen werden. Um Ihnen noch einen genaueren Hinweis zu geben, wie groß diese Schwierigkeiten waren, möchte ich folgendes erwähnen. Wir haben gesehen, daß die Schwierigkeiten hauptsächlich davon herkommen, daß der Mensch, wenn er in sein eigenes Innere hineinsteigt, von seinem egoistischen Wesen, von seinem selbstsüchtigen Ich fast ganz ausgefüllt wird, so daß dieses Ich mit einer Stärke erwacht, welche alles, was der Mensch sonst wahrnimmt, was er sonst erkennen kann, in den Dienst des Ich stellen und alles nur in der Färbung sehen würde, welche durch dieses verstärkte Licht der egoistischen Seele bewirkt wird. Gerade aus diesem Grunde mußte in der alten Einweihung die Stärke des Ich-Gefühls und des Ich-Bewußtseins ganz herabgestimmt werden, und es mußte das Ich sozusagen übertragen werden auf den geistigen Führer, wie wir es gestern beschrieben haben. Diese Herabstimmung des Ich wurde zunächst so bewirkt, daß durch die Kraft, welche ausging von dem geistigen Führer, das Ich-Bewußtsein des Betreffenden, der da eingeweiht werden sollte, auf ein Drittel der gewöhnlichen Stärke heruntergestimmt wurde. Das ist schon sehr, sehr viel, denn wir können sagen, daß unser Bewußtsein im Schlatzustande, wenn nicht ganz tiefer Schlaf vorhanden ist, ungefähr auf ein Drittel herabgestimmt ist. In den alten ägyptischen Mysterien wurde diese Herabstimmung noch weiter getrieben. Es wurde jenes Drittel des Bewußtseins nochmals auf ein Viertel reduziert, also auf ein Zwölftel des gewöhnlichen Bewußtseins herabgestimmt, so daß der betreffende Mensch zuletzt wirklich in einem todesähnlichen Zustande war. Vollständig ähnlich einem Toten war er für die äußere Beobachtung.
Cite:
GA 119/1910-03-26/p003 · edition original