Die Imagination
Man hört ja von solchen, welche eine höhere Entwickelung anstreben, oft sagen: Ich möchte mich geistig vervollkommnen, ich möchte «den höheren Menschen» in mir ausbilden, aber nach den Erscheinungen der «astralen Welt» trage ich kein Verlangen. Dies ist begreiflieh, wenn man in Betracht zieht, welche Schilderung von dieser «astralen Welt» sich in Büchern findet, die von diesen Dingen handeln. Da wird ja von Erscheinungen und Wesenheiten gesprochen, welche dem Menschen alle möglichen Gefahren bringen. Da wird gesagt, daß unter dem Einflüsse solcher Wesenheiten der Mensch nur gar zu leicht an seiner moralischen Gesinnung und intellektuellen Gesundheit Schaden nehmen könne. Es wird dem Leser nahegebracht, daß auf diesem Gebiete die Scheidewand zwischen «dem guten und dem bösen Pfade» einem «Spinnewebchen» an Dicke gleichkomme und der Fall in unermeßliche Abgründe, der Absturz in völlige Verworfenheit nur allzu naheliege. — Es ist ganz gewiß unmöglich, solchen Behauptungen einfach zu widersprechen. Und doch ist der Standpunkt, den man in vielen Fällen dem Betreten des Geheimpfades gegenüber einnimmt, keineswegs ein richtiger. Der einzig mögliche Gesichtspunkt ist vielmehr lediglich derjenige, welcher sagt: wegen der Gefahren darf niemand abgehalten werden, den Weg zur höheren Erkenntnis zu gehen, aber es muß in jedem Falle streng dafür gesorgt werden, daß diese Gefahren bestanden werden können. Das wird in manchen Fällen allerdings dazu führen, daß einem Menschen, der von einem Geheimlehrer Anweisungen zur Schulung erbittet, zunächst der Rat gegeben wird, mit dieser eigentlichen Schulung noch zu warten und erst gewisse Erfahrungen des gewöhnlichen Lebens durchzumachen oder Dinge zu lernen, welche in der physischen Welt gelernt werden können. Es wird dann die Aufgabe des Geheimlehrers sein, dem suchenden Menschen die rechte Anleitung zu geben, um solche Erfahrungen zu sammeln und solche Dinge zu lernen. In weitaus den meisten Fällen wird man es erleben, daß der Geheimlehrer zunächst so verfährt. Wenn dann der Schüler nur genügend aufmerksam ist auf das, was ihm nun zustößt, nachdem er mit dem Geheimlehrer in Verbindung getreten ist, dann wird er das Mannigfaltigste bemerken können. Er wird finden, daß er nunmehr wie durch «Zufall» Erlebnisse hat und Dinge beobachten kann, denen er ganz gewiß ohne die Verbindung mit dem Geheimlehrer nicht ausgesetzt gewesen wäre. Wenn die Schüler das oft nicht bemerken und ungeduldig werden, dann liegt das nur darin, daß sie eben nicht die nötige Aufmerksamkeit ihren Erlebnissen zuwenden. Man muß auch durchaus nicht glauben, daß sich die Wirkung des Geheimlehrers auf den Schüler in deutlich wahrnehmbaren «Zauberkunststückchen» abspielt. Diese Wirkung ist vielmehr eine ganz intime Sache, und wer nach ihrer Natur und Wesenheit forschen will, ohne selbst schon eine gewisse Stufe der Geheimschulung erreicht zu haben, der wird ganz gewiß in die Irre gehen. Der Schüler fügt sich selbst in jedem Falle ein Unrecht zu, wenn er ungeduldig darüber wird, daß er auf «Wartezeit» gesetzt ist. Er wird dadurch in bezug auf die Schnelligkeit seines Weges durchaus nicht aufgehalten. Im Gegenteil, sein Vorwärtskommen würde gerade dadurch verlangsamt, wenn er zu früh mit der oft von ihm ungeduldig erwarteten Schulung beginnen würde.