Erster Vortrag

GA 120/1910-05-16/p003 ·1910-05-16 · original (original)
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Dieser Zyklus von Vorträgen soll Fragen behandeln aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft, die tief in das Leben einschneidend sind. Aus den verschiedenen Darstellungen, die im Laufe der Zeit gegeben worden sind, ist es uns ja geläufig, daß Geisteswissenschaft nicht eine abstrakte Theorie sein soll, nicht eine bloße Doktrin oder Lehre, sondern ein Quell für Leben und Lebenstüchtigkeit, und sie erfüllt erst dann ihre Aufgabe, wenn durch das, was sie an Erkenntnissen zu geben vermag, etwas hineinfließt in unsere Seelen, was das Leben reicher, verständlicher, was unsere Seelen tüchtiger und tatkräftiger machen kann. Wenn sich nun allerdings derjenige, der sich zu dieser unserer Weltanschauung bekennt, jenes Ideal, das eben mit ein paar Worten gekennzeichnet worden ist, vorhält und in der Gegenwart dann ein wenig Umschau hält, inwiefern er imstande ist, das, was ihm aus der Theosophie erfließt, in diesem Leben umzusetzen, dann könnte er vielleicht zu einem recht wenig erfreulichen Eindruck kommen. Denn wenn man unbefangen alles betrachtet, was heute die Welt meint zu «wissen», was in unserer Gegenwart die Menschen zu diesen oder jenen Gefühlen oder Handlungen treibt, so könnte man sagen, daß dies alles von den theosophischen Ideen und Idealen so unendlich weit verschieden ist, daß der Theosoph gar keine Möglichkeit habe, unmittelbar in das Leben einzugreifen mit dem, was er aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus sich aneignet.- Das wäre aber dennoch eine recht oberflächliche Betrachtung der Sachlage, oberflächlich aus dem Grunde, weil bei einer solchen Betrachtung nicht gerechnet würde mit dem, was wir aus unserer Weltanschauung selber dadurch entnehmen müssen, daß wir uns sagen: Wenn einmal wirklich jene Kräfte, die wir durch Theosophie aufnehmen, stark genug sein werden, dann werden sie auch die Möglichkeit finden, in die Welt einzugreifen; wenn aber niemals etwas dazu getan würde, diese Kräfte immer stärker und stärker zu machen, so würde eben ihr Eingreifen in die Welt unmöglich sein.

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