Fünfter Vortrag
Eine solche Sache kann oft richtig sein. Aber es würde sie derjenige nie zu einer umfassenden Theorie machen, der nur ein wenig berührt worden wäre von einer wahrhaft tieferen psychologischen Denkungsart. Eine solche Theorie kann leicht widerlegt werden, denn der Betreffende müßte bedenken: Wenn wirklich der Fall so liegt, daß der Vorwand nichts ist und das Motiv alles, so müßte man das auch bei diesem Psychologen anwenden können und sagen: Es ist also auch bei dir dasjenige, was du hier vorbringst und als Theorie entwickelst, nur Vorwand; suchen wir nach den tieferen Gründen, so sind vielleicht deine angegebenen Gründe ganz derselben Natur. — Hätte ein solcher Psychologe ernsthaft gelernt, warum ein Urteil unmöglich ist, das nach einem solchen Schluß aufgebaut ist wie: Alle Kretenser sind Lügner -, und daß ein solches Urteil schief ist, wenn es ein Kretenser selbst sagt; hätte er gelernt den Grund, warum das so ist, so hätte er auch gelernt, was für sonderbare Zirkelschlüsse dadurch herauskommen, daß man auf gewissen Gebieten Behauptungen auf sich selber zurücktreiben kann. Aber es ist eben fast in dem ganzen Umfange unserer Literatur eine außerordentlich geringe wirklich tiefere Bildung vorhanden. Daher bemerken die Leute dasjenige, was sie selbst tun, gewöhnlich durchaus nicht mehr. Deshalb wird es gerade für die Geisteswissenschaft durchaus notwendig sein, daß solche logischen Konfusionen nach jeder Hinsicht vermieden werden. Am wenigsten vermeiden solche logischen Konfusionen die modernen Philosophen, die sich mit Seelenwissenschaft beschäftigen. Und unser Beispiel ist ein typisches dafür. Wir sehen daran die Streiche, die luziferische Einflüsse dem Menschen spielen, so daß sie ihm das Seelenleben in eine Maja verwandeln und daß er sich ganz andere Motive vortäuschen kann, als sie wirklich in seinem Inneren walten.
Cite:
GA 120/1910-05-20/p023 · edition original