Achter Vortrag
Auf diese Weise begreifen wir mancherlei Dinge, die auch sonst im Leben geschehen. Aber wir dürfen, wenn zum Beispiel jemand im Leben zum Tode kommt oder eine schwere Verwundung erleidet, nicht jeden solchen Fall auf etwas Ähnliches zurückführen. Da würden wir in einer sehr engen Weise das Karma auffassen. Aber es gibt wirklich Strömungen auch in unserer theosophischen Bewegung, welche das Karma in einer recht engen Weise auffassen, die zwar glauben, daß sie in dem Karma wirklich etwas haben, was zu einem höheren Gesichtspunkt führt, es aber nicht wirklich kennen. Sie fassen das Karma so auf, daß, wenn es wirklich so wäre, wie sie es auffassen, immer die ganze Weltordnung wegen eines jeden einzelnen Menschen besonders eingerichtet sein müßte, damit sie zum harmonischen Verlauf und zum Ausgleich eines jeden einzelnen im Menschenleben diente, daß also in einem Leben die Verhältnisse immer so zusammengeführt werden, daß ganz genau der Ausgleich für das geschaffen werden muß, was in einem früheren Leben entstanden ist. Dieser Standpunkt ist aber nicht haltbar. Wie wäre es denn, wenn sich jemand hinstellte vor einen Menschen, dem ein Unglück passiert ist, und ihm sagt: Das ist dein Karma, das ist die karmische Wirkung aus einem früheren Leben; das hast du damals verschuldet! - Wenn aber jetzt der Betreffende diesen oder jenen Glücksfall erlebt, dann sagt der andere: Das führt zurück auf ein Gutes, das du früher getan hast! - Wenn das aber einen wirklichen Wert haben soll, so müßte doch derjenige, der so spricht, erst sehen, was in dem früheren Leben geschehen ist, das diese Wirkung hervorgebracht haben soll. Hätte er sich in das frühere Leben gestellt, so würde er da die Ursachen sehen, die aus jenem Leben kommen, und müßte dann auf die spätere Inkarnation hinschauen, wenn er die Wirkungen erblicken will. Daraus folgt aber für uns logisch folgendes: Es treten in jeder Inkarnation Tatsachen ein, die erste Ereignisse darstellen in dem Leben jedes Menschen, wie es sich von Verkörperung zu Verkörperung abspielt, und diese werden ihren kärmischen Ausgleich im nächsten Leben haben. Wenn man im nächsten Leben sich dann die Wirkungen anschaut, dann kann man auf die Ursachen hinblicken. Wenn aber jetzt ein Unglücksfall geschieht und man mit allen Mitteln im früheren Leben keine Ursachen dafür findet, dann muß man sich sagen, es findet eben der Aus 1/3 gleich in einem späteren Leben statt. Karma ist kein Fatum! Es wird aus jedem Leben etwas in die späteren hineingetragen.
Cite:
GA 120/1910-05-25/p018 · edition original