Elfter Vortrag
Betrachten Sie im ganzen Gang der Menschheitsentwickelung das, was wir als fortlaufende Strömung ansehen können, innerhalb welcher sich Welle nach Welle entwickelt, wobei aber das errungene Gut der vorangegangenen Welle für die nachfolgende erhalten bleibt. Wir würden ein Bild davon bekommen, wenn wir hinschauen auf die erste Kultur der nachatlantischen Zeit, auf das, was im alten Indertum an Großartigkeit geleistet worden ist. Wenn wir dieses Großartige aber vergleichen mit dem schwachen Nachklang, der in den Veden davon enthalten ist, die zwar immer noch bewundernswürdig sind, aber eben doch nur ein schwacher Abglanz sind von dem, was die Rishis geleistet haben und was uns die Geisteswissenschaft von dem großen Kultureinschlag der Inder berichtet, dann werden wir sagen müssen: Es war die ursprüngliche Größe dessen, was dieses Volk für die Menschheit zu leisten hatte, schon im Niedergange, als man daran ging, in jenen herrlichen dichterischen Darstellungen dieses Kulturgut der Menschheit aufzubewahren. Aber was die indischeKultur zunächst zu leisten hatte, das floß hinein in den ganzen Gang der Menschheitsentwickelung. Und nur unter dieser Voraussetzung konnte sich das später entwickeln, was wieder ein junges Volkstum brauchte - nicht ein altgewordenes Volk. Es mußten zuerst die Inder zurückgedrängt werden auf die südliche Halbinsel, und es entwickelte sich dann in Persien die Weltanschauung des Zarathustra. Was hatte diese Weltanschauung an Großem in der Zeit, als sie entstand — und wie war sie in verhältnismäßig gar nicht langer Zeit verfallen bei dem Volke, das sie geschaffen! Wir haben dann beim Agyptertum und Chaldäertum denselben Vorgang. Dann sehen wir das Hinübergehen orientalischer Weisheit nach Griechenland, und sehen, wie die Griechen zurückschlagen das, was auf dem äußeren physischen Plan das Orientalische ist. Wir sehen dann, wie in den Schoß des Griechentums aufgenommen wird, was der ganze Orient geleistet hat, und wie es verwoben wird mit mancherlei, was bis dahin in andern europäischen Gebieten geleistet worden ist. Daraus wird dann ein neuer Kultureinschlag geschaffen, welcher auf vielen Umwegen fähig geworden ist, den christlichen Impuls aufzunehmen und ihn nach dem Westen weiterzuverpflanzen. Und so würden wir auch späterhin einen fortlaufenden Kulturstrom finden, in welchem wir Glied an Glied anreihen können, und jedes folgende Glied erscheint uns zugleich als eine Fortsetzung des vorhergehenden und immer als etwas Neues, was der Menschheit gegeben werden mußte. Aber woraus mußte dashervorwachsen, was sich so von Epoche zu Epoche weiterentwickelt?
Cite:
GA 120/1910-05-28/p010 · edition original