Zehnter Vortrag

GA 121/1910-06-16/p004 ·1910-06-16 · original (original)
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In solcher Weise hat man natürlich im Orient, als das Ich überhaupt erwachte, das Ich nicht gefunden. Da war der Mensch schon subjektiv so weit entwickelt zu einer hohen Stufe menschlicher Vollkommenheit, daß er das Ich nicht als fremdes, sondern als eigenes empfand. Als der Mensch im Orient zum Ich erwachte, war die orientalische Kultur schon so weit, daß sie fähig war, eine so fein ausgesponnene Spekulation, Logik und Weisheit nach und nach zu entwickeln, wie wir sie in der orientalischen Weisheit vor uns sehen. Also den ganzen Prozeß des Empfangens des Ich wie aus einer höheren, geistigen Welt unter der Beihilfe einer solchen göttlich-geistigen Individualität wie der Thor es war, hat der Orientalismus nicht mehr mitgemacht. Ihn hat mitgemacht der Europäismus, und daher empfindet dieser Europäismus auch dieses allmähliche Hinaufsteigen zu dem individuellen Ich wie das Herauskommen aus einer Art von Gruppenseele. Der germanisch-nordische Mensch fühlte sich selbst noch wie mit einer Gruppenseele behaftet, wie zu einer ganzen Gemeinschaft gehörig, wie ein Glied in der großen Zusammengehörigkeit des Stammes. Nur so konnte es kommen, daß noch fast hundert Jahre, nachdem der christliche Impuls der Erde gegeben worden ist, Tacitus die Germanen Mitteleuropas so schildern konnte, daß sie immer als zu einzelnen Stämmen gehörig erscheinen, daß sie wie die Glieder eines Organismus sind und zu der Einheit des Organismus gehören. So fühlte sich der einzelne in jener Zeit noch wie ein Glied des Stammes-Ich. Er fühlte das nach und nach Heraus-geboren-Werden des individuellen Ich aus dem Stammes-Ich, und er fühlte in dem Gotte Thor den Geber, den Verleiher des Ich, den Gott, der ihn eigentlich mit dem individuellen Ich begabte. Aber er fühlte diesen Gott noch verbunden mit dem gesamten Geiste des Stammes, mit dem, was in der Gruppenseele lebt. Für diese Gruppenseele findet sich nun der Ausdruck «Sif». Das ist der Name für die Gemahlin des Thor. Sif muß sprachlich verwandt sein mit dem Worte Sippe, Stammeszusammengehörigkeit und ist es auch in der Tat, wenn das auch maskiert und verborgen ist. Okkult bedeutet aber Sif die Gruppenseele der einzelnen Gemeinschaft, aus der herauswächst das einzelne Individuum. Sif ist diejenige Wesenheit, die sich verbindet mit dem Gotte des individuellen Ich, mit dem Geber des individuellen Ich, mit Thor. Sif und Thor empfindet der individuelle Mensch als die Wesenheiten, die ihm das Ich gaben. Die empfand der nordische Mensch noch so, als den Völkern in anderen Gegenden Europas bereits andere Aufgaben in der Erziehung des Menschen zum Ich hin zugeteilt waren.

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Cite: GA 121/1910-06-16/p004 · edition original