Zehnter Vortrag
Von der atlantischen bis zur späteren nachatlantischen Zeit hat der indische Volksgeist die ganze Entwickelung der inneren Seelenkräfte durchgemacht, ohne daß sein Ich erwacht war. Er hat dann wieder den Weg zurück genommen bis zu seiner Arbeit im menschlichen Atherleibe. Das ist das Wesentliche der alten indischen Kultur, daß mit fertig ausgebildeten Seelenkräften, mit Seelenkräften, die im höchsten Grade verfeinert waren, der Inder wiederum hineingeht in den Atherleib, zurückgeht bis zum Ätherleib und in demselben jene wunderbar feinen Kräfte ausbildet, deren späteren Reflex wir in den Veden und in noch verfeinerterem Zustande in der Vedanta-Philosophie sehen. Das war alles nur möglich dadurch, daß sich die indische Volksseele bis zu einem hohen Grade entwickelt hatte, bevor das Ich angeschaut, wahrgenommen worden ist, und schon wieder zu einer Zeit, als der Mensch mit den Kräften des Ätherleibes selber sehen konnte. Die persische Volksseele war nicht so weit gekommen. Die war nur so weit gekommen, in dem Empfindungsleibe oder Astralleibe wahrzunehmen. Noch anders war es in der babylonisch-chaldäisch-ägyptischen Kultur. Da war es so, daß der Teil, den wir als die Empfindungsseele bezeichnen, wahrnehmen konnte. Wir müssen also diese ägyptisch-chaldäische Kultur als eine solche bezeichnen, welche in der Empfindungsseele arbeitet. Beim griechisch-lateinischen Volksgeiste war das so, daß er geleitet worden ist bis zur Verstandes- oder Gemütsseele; in dieser Verstandes- oder Gemütsseele arbeitete er. An der Verstandes- oder Gemütsseele konnte er selbst nur dadurch arbeiten, daß diese Verstandes- oder Gemütsseele wiederum im Ätherleibe eine Art Ausprägung ihres Wesens hatte. Aber es ist dies gleichsam eine weniger reale, weniger anschauliche und der Wirklichkeit eingeprägte Form des Weltbildes, wie es jetzt im Griechentum herauskam. Während ein unmittelbares Arbeiten im Atherleibe bei der alten indischen Kultur da war, ist jetzt ein verwischtes, ein abgeschattetes, ein matteres Abbild der Wirklichkeit vorhanden, wie ich es charakterisiert habe dadurch, daß ich sagte: Es ist wie eine Erinnerung an das, was diese Völker einst erlebt hatten, wie eine Erinnerung, die zurückstrahlt auf ihren Atherleib (vgl. die schematische Abbildung).
Cite:
GA 121/1910-06-16/p008 · edition original