Siebenter Vortrag
Und jetzt versuchen wir, im Sinnesdasein den äußeren Ausdruck dessen zu finden, was wir eben ausgesprochen haben. Wir haben beschrieben, was im Übersinnlichen ist, ein Durcheinanderweben der Geister des Willens, der Throne, und der Geister der Form, der Elohim. Das liegt im Übersinnlichen. Aber alles Übersinnliche wirft sein Schattenbild herein in unsere Sinneswelt. Wie stellt sich das dar? Das, was substantiell sozusagen der Leib, die \Wesenhaftigkeit der Geister des Willens ist, das ist die sich ausbreitende Materie, die feste Materie. Was gewöhnlich als Materie angesehen wird, ist Illusion. Die Vorstellungen, die man sich bildet von Materie, sind Maja. In Wahrheit findet der Seher, wenn er sich sozusagen in die Gebiete begibt, wo Materie spuken soll, nicht die phantastische Vorstellung der physikalischen Materie, denn das ist ein leerer Traum. Der Begriff der Materie, von dem die sogenannte naturphilosophische Physik spricht, ist nur eine Vorstellung, eine Schwärmerei, eine Phantasterei. Solange man dabei bleibt, das als eine Rechnungsmünze zu haben, ist es gut. Wenn man aber damit glaubt etwas Wesenhaftes zu treffen, dann träumt man. Und so - träumt im Grunde genommen die Physik heute, wo sie in ihren Theorien von Materie spricht. Da, wo sie Tatsachen konstatiert, wo sie Tatsachen beschreibt, das Reale, Wirkliche, da redet sie von Wahrheit, wenn sie beschreibt, was das Auge sehen kann und was man feststellen kann mit der Rechnung. Wo sie aber anfängt zu spekulieren von Atomen, von Molekülen und so weiter, die nichts anderes sein sollen als gewisse Dinge, die materielles Dasein haben, da fängt sie an, einen Weltentraum zu spinnen, demgegenüber wir wirklich sagen müssen, es verhält sich so, wie in unserem Mysteriendrama Felix Balde im Tempel ankündigt, wenn er sagt: Wenn man irgendwo etwas kaufen wollte und sagte, mit festem Gelde bezahle ich Dich nicht; ich verspreche Dir, daß ich aus irgendeinem Nebel heraus Dukaten bilden werde, es wird sich schon verdichten zu Dukaten! — In diesem groben Vergleich kann man wirklich jene Illusion der physikalischen Theorie wiedergeben, die ganze Weltenbaue aus Urweltnebeln willig hinnimmt, wenn das sogenannte Weltanschauungsbedürfnis bezahlt werden soll mit den Münzen, die die Wissenschaft auf diesem Gebiete gerne ausgeben möchte. Mit einer Phantastik hat man es zu tun, wenn man das atomistische Dasein, wie man es heute im Auge hat, für ein reales hält. Solange man damit Abkürzungen, Rechnungsmünzen meint für das, was die Sinne zeigen, so lange steht man auf realem Boden. Durchdringt man diesen Boden des Sinnlichen, dann muß man zum Geistigen vorschreiten, dann kommt man auf das Wesen und Weben einer Grundsubstanz, die aber nichts anderes ist als die Leiblichkeit der Throne, die durchsetzt wird von der Tätigkeit der Geister der Form. Und wie stellt sich das, wie projiziert sich das in unsere Sinnenwelt herein? Nun, da haben wir ausgebreitet die feste Materie, die aber auf keiner Stufe ein Amorphes ist. Das Amorphe, das Gestaltlose wird nur dadurch hervorgerufen, daß im Grunde genommen alles Dasein, das nach der Form drängt, zersprengt, zermalmt wird. Alles, was wir gleichsam als staubartiges Dasein antreffen im Weltenbau, hat gar nicht die Anlage, staubartig zu sein. Das ist zermürbtes Dasein. Die Materie als solche hat den Drang, sich zu gestalten. Alles Feste hat den Drang, kristallinisch zu sein. Was feste Materie ist, drängt nach Kristallgestalt, drängt nach Form. So also können wir sagen: Was wir nennen das Substantielle der Throne und der Elohim, das drängt herein in unser sinnliches Dasein, indem es sich uns ankündigt als das sich ausbreitende Feste. Dadurch, daß sich überhaupt so etwas manifestiert, was wir materielles Dasein nennen, kündigt es sich an als "Wesenhaftigkeit der Throne. Dadurch, daß es gestaltet erscheint, daß gleichsam in dieser Grundsubstanz immer Gestalten geformt werden, kündigt es sich an als äußere Offenbarung der Elohim.
Cite:
GA 122/1910-08-22/p013 · edition original