Siebenter Vortrag
Auf diese Exegese unseres Jahrhunderts ist ungeheuerster Fleiß verwendet worden, und man kann sagen, wenn man die Dinge kennt, daß vielleicht auf keine naturwissenschaftliche oder historische Forschung ein so großer Fleiß verwendet worden ist als auf diese theologische Bibelexegese des neunzehnten Jahrhunderts, die uns mit tiefer Wehmut und mit dem Gefühl einer tiefen Tragik erfüllt. Dasjenige, was der Menschheit berichten sollte von dem Spirituellsten, hat verloren den Zusammenhang mit den spirituellen Quellen. Es ist, wie wenn jemand sagen wollte: Ja, da erblicken wir zum Beispiel einen ganz anderen Stil im zweiten Teil des «Faust», wenn wir die Stelle, wo Ariel spricht, vergleichen mit den Knittelversen im ersten Teil des «Faust». Das kann unmöglich ein und derselbe Mensch geschrieben haben, und Goethe muß deshalb eine mythische Figur sein. — Es steht wirklich das Erträgnis ungeheuerster Arbeit, hingebungsvollsten Fleißes durch die Abtrennung von den okkulten Quellen tragischerweise auf demselben Boden, auf dem jemand stehen würde, der den Goethe hinwegleugnet, weil er sich nicht denken kann, daß zwei so verschiedene Dinge wie der Stil des ersten Teils des «Faust» und der des zweiten Teils von einem und demselben Menschen herrühren könne. Da sehen wir hinein in eine tiefe Tragik des Menschenlebens. Da sehen wir, wie es die Notwendigkeit hervorruft, die Geister wiederum hinzulenken zu den Quellen des spirituellen Lebens. Geisteserkenntnis ist nur möglich, wenn die Menschen den lebendigen Geist wiederum suchen werden. Sie werden ihn wiederum suchen, denn das ist verknüpft mit einem unwiderstehlichen Drang der menschlichen Seele. Und auf dem Vertrauen, daß dieser Drang in der menschlichen Seele vorhanden ist, daß das Herz den Menschen treibt, den Zusammenhang mit den geistigen Quellen wieder zu suchen, und ihn treiben wird zum Verständnis der eigentlichen Grundlage der religiösen Urkunden, darauf beruht im Grunde genommen alle Kraft, die uns beseelen kann auf dem anthroposophischen Boden. Durchdringen wir uns mit diesem Vertrauen, und wir werden auf diesem Gebiete, das uns in das geistige Leben hineinführen soll, die echten Früchte erzielen.
Cite:
GA 122/1910-08-22/p024 · edition original