Dritter Vortrag
In dieser Legende wird uns der Vater des Abraham geschildert als ein Feldherr jener sagenhaften, aber wiederum wirklichen Persönlichkeit, die in der Bibel als «Nimrod» bezeichnet wird. Und auf Grund eines Traumerlebnisses wird der Sohn seines Feldherrn dem Nimrod angekündigt von denen, die die Zeichen der Zeit verstehen, als eine Wesenheit, die viele Könige und Herrscher entthronen werde. Nimrod fürchtet sich davor und befiehlt, daß der Sohn seines Feldherrn getötet werde. Das erzählt die Legende; das bestätigt uns die okkulte Forschung. Der Vater des Abraham ergreift eine Ausflucht und zeigt ein fremdes Kind dem Nimrod vor. Das eigene Kind aber, Abraham, wird in einer Höhle auferzogen. Und die Tatsache, daß wirklich Abraham der erste ist, der durch jene Kräfte, die sonst für die äuBeren hellseherischen Fähigkeiten Verwendung fanden, jetzt im Inneren jene organisatorische Kraft entwickelt, die zum inneren Gottesbewußtsein führen soll, diese Umkehrung der ganzen Kraftsumme wird angedeutet in der Legende dadurch, daß das Kind während der drei Jahre, wo es in der Höhle auferzogen wird, Milch saugt durch Gottes Gnade aus seinem eigenen Finger der rechten Hand. Das Durch-sich-selber-Genährtwerden, das Hineingehen der Kräfte, welche früher die alte Hellsichtigkeit bewirkt haben, in die innere Organisation des Menschen, das wird uns in dem Stammvater des hebräischen Volkes, in Abraham, in wunderbarer Weise charakterisiert. Solche Legenden wirken, wenn man ihren eigentlichen Grund erfährt, mit einer solchen Kraft auf uns, daß wir uns sagen: Wir begreifen es, daß die alten Mitteiler dasjenige, was hinter den Legenden steht, nicht anders sagen konnten als in Bildern. Aber diese Bilder waren geeignet, wenn auch nicht das Bewußtsein, so doch die Gefühle für die großen Tatsachen hervorzurufen. Und das genügte für die alten Zeiten.
Cite:
GA 123/1910-09-03_02/p033 · edition original