Sechster Vortrag

GA 123/1910-09-06/p006 ·1910-09-06 · original (original)
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Was wir heute unser Gedächtnis, unser zusammenhaltendes Bewußtsein nennen können, die Erinnerung an das Gleichbleibende unserer inneren Wesenheit, das reicht ja heute für den normalen Menschen nur bis in die ersten Kindheitsjahre. Der moderne Mensch wird, wenn er sein Leben zurückverfolgt, finden, daß irgendwo die Erinnerung abreißt. Der eine wird sich mehr, der andere weniger an die Kindheit erinnern. Aber unser heutiges Gedächtnis ist durchaus im einzelnen persönlichen Leben beschlossen, ja, umfaßt nicht einmal das ganze persönliche Leben bis zum Tage der Geburt. Wenn wir uns zum Bewußtsein bringen, wie die Seelenfähigkeiten, die Bewußtseinseigentümlichkeiten der Menschen überhaupt in alten Zeiten waren, wenn wir uns erinnern, wie wir in der Menschheitsevolution beim Zurückgehen auf Zeiten stoßen, wo ein gewisser hellseherischer Zustand normales menschliches Bewußtsein war, dann werden wir es auch nicht mehr verwunderlich finden, daß wir uns für diese verhältnismäßig naheliegenden Zeiten sagen können — was uns die Geistesforschung bestätigt -, daß die Bewußtseinsverhältnisse in bezug auf das Gedächtnis in alten Zeiten durchaus andere waren, als sie später geworden sind.

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Cite: GA 123/1910-09-06/p006 · edition original