Sechster Vortrag

GA 123/1910-09-06_02/p008 ·1910-09-06 · original (original)
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Und wenn für die früheren Zeiten Namen gebraucht werden - die Namengebung der alten Zeiten würde heute ein besonderes Studium erfordern -, so ist unter einem solchen Namen etwas ganz anderes zu begreifen, als was wir heute mit einem Namen verbinden. Und was die äußere Philologie heute darüber zu sagen weiß, ist wirklich ein ganz dilettantenhaftes Zeug. Der Gebrauch der Namen war früher ein ganz anderer. Man hätte sich überhaupt nicht eine solche Vorstellung machen können, daß Namen mit Dingen oder Wesenheiten so in äußerlicher Weise verknüpft werden könnten, wie es heute geschieht. Der Name war in alten Zeiten etwas, was wesenhaft war, was wesenhaft mit dem Wesen oder Ding zusammenhing und ausdrücken sollte den inneren Charakter des Wesens im Ton. Ein Nachklang des Wesens im Ton sollte der Name damals sein. Davon hat unsere heutige Zeit gar keinen Begriff mehr, denn sonst könnten solche Bücher heute nicht entstehen wie die «Kritik der Sprache» von Fritz Manthner, die alles neuere Forschen, alle gelehrte Kritik der letzten Jahre über die Sprache in großartiger Weise berücksichtigt, aber nur nicht das, was für alte Zeiten das Wesenhafte der Sprache war. Der Name war durchaus in alten Zeiten nicht angewendet auf den einzelnen Menschen in seinem persönlichen Leben, sondern auf das, was durch das Gedächtnis zusammengehalten wurde, so daß sein Name so lange gebraucht wurde, als die Erinnerung dauerte. So ist Noah zum Beispiel nicht ein einzelner Mensch, sondern der Name Noah bedeutet, daß sich zunächst irgendein einzelner Mensch erinnert an sein eigenes Leben und dann durch die Geburt hindurch an das Leben seines Vaters, seines Großvaters und so weiter, so lange, als das Gedächtnis anhielt. So weitals der Gedächtnisfaden reichte, wurde für eine solche Folge von Menschen derselbe Name gebraucht. Ebenso sind Namen wie Adam, Seth oder Enoch derartige Namen, mit denen man an Personen so viel zusammenfaßte, als es möglich war, mit dem Gedächtnis in der Rückerinnerung zusammenzuhalten. Wenn also für die alten Zeiten gesagt wird, irgend jemand heißt Enoch, so will das sagen: Es entstand in einer Persönlichkeit, die der Sohn einer anders vorausbenannten Persönlichkeit war, ein neuer Gedächtnisfaden; da erinnerte er sich nicht mehr an die früheren Persönlichkeiten. Aber dieser neue Gedächtnisfaden hörte nun nicht auf mit dem Tode dieser zuerst Enoch benannten Persönlichkeit, sondern er pflanzte sich fort vom Vater auf den Sohn, auf den Enkel und so weiter, bis wieder ein neuer Gedächtnisfaden entstand. Und so lange dieser Gedächtnisfaden sich erhielt, gebrauchte man denselben Namen. Also es sind in der Generationenfolge verschiedene Persönlichkeiten zusammen damit bezeichnet, wenn zum Beispiel von Adam die Rede ist.

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