Sechster Vortrag
Der Jesus aus der nathanischen Linie wächst heran mit einer ungeheuren Innerlichkeit. Wenig geschickt ist er, äußere Weisheit und äußere Kenntnisse sich anzueignen. Er ist aber von einer schier unbegrenzten Innigkeit des Gemüts, von einer schier unbegrenzten Liebefähigkeit, weil in seinem Ätherleibe jene Kraft lebte, die herunterströmte aus der Zeit, da der Mensch noch nicht in eine irdische Inkarnation hinuntergestiegen war, wo er noch ein göttliches Dasein führte. Das göttliche Dasein lebte in ihm in einer unbegrenzten Liebefähigkeit. So war dieser Knabe wenig geeignet für das, was die Menschen durch die Inkarnationen hindurch sich angeeignet haben durch die Werkzeuge des physischen Körpers; dagegen groß und ungeheuer durchdrungen von Liebeswärme war er in bezug auf seine Seele, in bezug auf sein Inneres. So sehr war er innerlich, daß sich etwas abspielte, was diejenigen, die davon wußten, hinwies auf die ganze große Innerlichkeit dieses Knaben. Was der Mensch sonst nur an der Außenwelt entzündet, das konnte der Jesus des Lukas-Evangeliums in gewisser Weise von Anfang an: er sprach gewisse Worte gleich nach seiner Geburt, die seiner Umgebung verständlich waren. So war er groß in bezug auf alles Innerliche, ungeschickt in bezug auf alles, was durch die Generationen der Menschheit auf der Erde selbst zu erringen war. Und sollten nicht die Eltern aufs höchste überrascht gewesen sein, als sich ihnen jetzt innerhalb dieser so herangewachsenen Leiblichkeit plötzlich ein Knabe zeigte, der von allem durchdrungen war, was äußere Weisheit ist, was man sich mit äußeren Werkzeugen aneignen muß? Diese so plötzliche, so gewaltige Umänderung war deshalb möglich, weil in jenem Moment die Zarathustra-Individualität von dem salomonischen Jesusknaben auf diesen Jesus der nathanischen Linie übergegangen war. Zarathustra, Zarathas sprach aus diesem Knaben in dem Moment, der uns geschildert wird, als ihn die Eltern im’Tempel suchten.
Cite:
GA 123/1910-09-06_02/p027 · edition original