Neunter Vortrag

GA 123/1910-09-09/p036 ·1910-09-09 · original (original)
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Besonders merkwürdig ist der fünfte Satz der Seligpreisungen. Und das dürfen wir erwarten. Er muß uns etwas ganz Besonderes darbieten: er muß sich beziehen auf die menschliche Verstandesseele oder Gemütsseele. Nun weiß jeder, der studiert hat, was in meinem Buche «Geheimwissenschaft im Umriß» oder in meiner «Theosophie» gesagt ist und was auch sonst seit Jahren in den verschiedensten Vorträgen verfolgt worden ist, daß die drei Glieder der Menschenseele - Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele durch das Ich zusammengehalten werden. Es weiß jeder, daß in der Empfindungsseele das Ich noch in einem dumpfen Zustande vorhanden ist, in der Verstandes- oder Gemütsseele aber herausspringt, und daß dadurch der Mensch erst ganz Mensch wird. Während er für die niederen Glieder, selbst noch für die Empfindungsseele, von göttlich-geistigen Mächten beherrscht wird, wird er ein Eigenwesen in der Verstandesseele. Da leuchtet das Ich auf. Man muß also gewissermaßen für die Verstandes- oder Gemütsseele anders sprechen, wenn sie die Christus-Kraft erlangt hat, als für die niederen Glieder. In den niederen Gliedern setzt sich der Mensch in Beziehung zu gewissen göttlichen Wesenheiten, die hineinwirken in die untergeordneten Glieder, in den physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und auch in die Empfindungsseele; und was der Mensch da als Tugenden und so weiter entwickelt, das wird auch wieder zu diesen göttlichen Wesenheiten heraufgenommen. Was sich aber in der Verstandes- oder Gemütsseele entwickelt, das wird, wenn sie die Christus-Eigenschaft entwickelt, vor allen Dingen eine menschliche Eigenschaft sein müssen. Wenn der Mensch selbst die Verstandesseele aufzufinden beginnt, wird er dadurch immer weniger abhängig von den göttlich-geistigen Kräften der Umgebung. Hier haben wir also etwas, was sich auf den Menschen selbst bezieht. Daher kann der Mensch, wenn er die Christus-Kraft aufnimmt, in der Verstandesseele jene Tugenden entwickeln, die von Gleichem zu Gleiche gehen, die nicht vom Himmel als Lohn erfleht werden, sondern die nun wieder zurückkommen zu der gleichen Wesenheit, wie es der Mensch ist. Wir müssen also sozusagen spüren, daß von den Tugenden der Verstandesseele so etwas herausströmt, daß wieder etwas Gleiches zu uns zurückströmt. — Merkwürdig: Der fünfte Satz der Seligpreisungen zeigt uns wirklich diese Eigenschaft. Er unterscheidet sich von allen anderen dadurch, daß gesagt wird- und wenn die Übersetzungen auch nicht besonders gut sind, so konnten sie doch diese Tatsache nicht verhüllen -: «Selig sind die Barmherzigen, denn sie können Barmherzigkeit erlangen!» Was herausströmt, strömt wieder zurück — wie es sein muß, wenn es im Sinne der Geisteswissenschaft genommen wird. Dagegen kommen wir mit dem nächsten Satz, der sich auf die Bewußtseinsseele bezieht, zu etwas im Menschen, wo das Ich schon voll ausgeprägt ist und wo der Mensch wieder hinaufsteigt auf eine neue Art. Wir wissen, daß gerade in der Zeit, in der der Christus erschienen war, die Verstandes- oder Gemütsseele zum Ausdruck gekommen ist. Jetzt stehen wir in der Zeit, wo die Bewußtseinsseele zum Ausdruck kommen soll und wo der Mensch wieder hinaufsteigt in die geistige Welt. Während der Mensch sich selbst zuerst bewußt wird, sich seiner selbst bewußt aufleuchtet in der Verstandes- oder Gemütsseele, entwickelt er in der Bewußtseinsseele voll sein Ich, das jetzt wieder hinaufsteigt in die geistige Welt. Der Mensch, der die Christus-Kraft in sich aufnimmt, wird, indem er sein Ich in die Bewußtseinsseele hineinergießt und dort erst rein erlebt, auf diesem Wege zu seinem Gott gelangen. Er wird, indem er den Christus in seinem Ich erlebt und heraufnimmt bis zur Bewußtseinsseele, dort zu seinem Gott kommen. — Nun ist gesagt worden, daß der Ausdruck des Ich im physischen Leibe das Blut ist, das sein Zentrum im Herzen hat. Daher müßte im sechsten Satze in sachgemäßer Weise ausgedrückt werden, daß das Ich durch die Eigenschaft, welche es dem Blute und dem Herzen verleiht, des Gottes teilhaftig werden kann. Wie heißt der Satz? «Selig sind die, welche reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen!» Es ist dies zwar keine besonders gute Übersetzung; aber sie genügt für unsere Zwecke. - So leuchtet hinein Geisteswissenschaft in das ganze Gefüge dieser wunderbaren Sätze, die der Christus Jesus seinen intimen Schülern verkündet, nachdem er die Versuchung bestanden hat.

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Cite: GA 123/1910-09-09/p036 · edition original