Elfter Vortrag

GA 123/1910-09-11_02/p011 ·1910-09-11 · original (original)
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Ich habe schon besonders darauf hingewiesen, wie die Evangelieninterpretationen der freisinnigen oder gar evangeliengegnerischen Richtungen gerade das Wichtige gewöhnlich nicht betonen. Sie weisen immer darauf hin, daß einzelne Wortfolgen der Evangelien und so weiter schon früher irgendwo vorgekommen sind. So zum Beispiel könnten sie darauf hinweisen, daß selbst der Inhalt der Seligpreisungen schon früher da war. Aber, was nicht da war - darauf müssen wir immer wieder hinweisen -, was früher nicht unter Aufrechterhaltung des Ich-Bewußtseins der Menschen erreicht werden konnte, das wird durch den Christus-Impuls für die menschliche Eigenheit erreicht werden können! Das ist außerordentlich bedeutsam. Ich habe die einzelnen Glieder der Seligpreisungen auseinandergelegt und habe gezeigt, daß es im ersten Satze heißen muß: «Selig sind die Bettler um Geist», weil nach der Menschheitsevolution derjenige Mensch arm an Geist ist, der nicht mehr hineinschauen kann in die geistige Welt im Sinne des alten Hellsehens. Aber den Trost und die Aufklärung gibt ihnen der Christus: Wenn sie auch nicht mehr durch die alten Hellseherorgane hineinschauen können in die geistige Welt, so werden sie jetzt durch sich selbst, durch ihr Ich hineinschauen können, denn: «Durch sich selber werden sie finden die Reiche der Himmel!» (Matth. 5,3). Ebenso der zweite Satz: «Selig sind, die da Leid tragen» (Matth. 5,4). Sie brauchen nicht mehr hineinzuwachsen durch das alte Hellseher vermögen in die Sphären der geistigen Welt; sie werden ihr Ich so entwickeln, daß sie hinaufwachsen können in die geistige Welt. Aber dazu muß das Ich immer mehr und mehr die Kraft aufnehmen, die in dem Christus als in einer einzigartigen Wesenheit einmal auf der Erde verankert war.

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Cite: GA 123/1910-09-11_02/p011 · edition original