Elfter Vortrag
In den alten Zeiten lag alle Bedeutung des Menschenzusammenhanges in der Blutsverwandtschaft. Immer mehr und mehr aber soll der Mensch hineinwachsen in die geistigen, moralischen, spirituellen Verbände. Wenn wir das ins Auge fassen, müssen wir sagen: Es muß dem Menschen dasjenige, was er als Gemeinde gründet, etwas werden. Wenn wir anthroposophisch sprechen, können wir sagen: Das Einzelkarma des Menschen muß sich verbinden mit dem Karma von Gemeinschaften. Sie können es schon durchaus wissen aus dem, wasinden verflossenen Jahren ausgeführt worden ist. Wie es nicht der Karmaidee widerspricht, wenn ich einem Armen etwas schenke, ebensowenig widerspricht es der Karmaidee, wenn einem Menschen dasjenige, was er als sein Einzelkarma hat, von einer Gemeinde abgenommen wird. Die Gemeinde kann mittragen das Los des einzelnen. Das Karma kann so verbunden werden, daß die Gemeinde mitträgt an dem Karma des einzelnen. Es kann mit anderen Worten folgendes im moralischen Zusammenhange eintreten: Das einzelne Glied innerhalb dieser Gemeinde begeht etwas Unrechtes. Das wird ganz gewiß in das Karma der einzelnen Persönlichkeit eingeschrieben sein, und es muß im großen Weltzusammenhange ausgetragen werden. Aber es kann sich ein anderer Mensch finden, der sagt: Ich helfe dir das Karma austragen! - Erfüllt muß das Karma werden, aber der andere kann ihm helfen. So können ganze Gemeinden dem helfen, der ein Unrecht begangen hat. Es kann der einzelne sein Karma so mit der Gemeinde verflochten haben, daß er, weil die Gemeinde ihn als eines ihrer Glieder betrachtet, etwas, was ihn betrifft, bewußt abgenommen erhält, daß die ganze Gemeinde mitfühlt und mit will den einzelnen bessern; so daß die Gemeinde sprechen kann: Du einzelner hast unrecht getan, aber wir treten für dich ein! Wir übernehmen das, was zur Ausbesserung des Karma führt. - Will man die Gemeinde «Kirche» nennen, so legt sich die Kirche damit die Verpflichtung auf, die Sünden des einzelnen auf sich zu nehmen, sein Karma mitzutragen. Es handelt sich nicht um das, was man heute Sündenvergebung nennt, sondern um ein reales Band, um ein Aufsichnehmen von Sünden. Und darum handelt es sich, daß die Gemeinde dies bewußt auf sich nimmt.
Cite:
GA 123/1910-09-11_02/p025 · edition original