Zwölfter Vortrag
Nehmen wir an, es kommt die Zeit, wo heruntersteigen soll ein höheres Wesen aus geistigen Sphären, um der Menschheit wieder einen Ruck vorwärts zu geben. Diejenigen, die in den Mysterien dienen, haben abzuwarten, wann ein solcher Zeitpunkt eintritt; sie haben ja die Aufgabe, die Zeichen der Zeit zu deuten. In aller Ruhe und Entsagung und ohne viel Aufhebens zu machen, haben sie abzuwarten den Zeitpunkt, wo ein Gott aus Himmelshöhen heruntersteigt, um der Menschheit einen Ruck vorwärts zu geben. Es ist aber auch ihre Aufgabe, achtzugeben auf die äußere Menschheit, damit sich irgendeine Persönlichkeit finde, die gelenkt und geleitet werden kann, damit sie geeignet ist, eine solche Wesenheit aufzunehmen. Wenn nun das Wesen, das heruntersteigen soll, ein ganz besonders hohes ist, so muß im Grunde genommen von der frühesten Kindheit an ein solcher Mensch geleitet werden, der der Tempel sein soll für ein solches Wesen. Das geschieht auch, nur merkt man es nicht. Nur hinterher, wenn man das Leben solcher Menschen beschreibt, findet man darin gewisse Regelmäßigkeiten. Wenn sich auch in bezug auf die Außenseite ihre Lebensverhältnisse in verschiedener Weise darstellen, so haben sie doch eine gewisse Gleichheit. Daher kann man angeben: Wenn wir den Blick zurückwenden in den Lauf der Menschheitsentwickelung, finden wir da und dort Wesenheiten, die einen gewissen gleichförmigen Gang selbst in bezug auf die äußere Biographie haben. Das ist gar nicht zu leugnen. Das ist auch den Forschern der neueren Zeit aufgefallen. Und Sie können in gebräuchlichen, aber nicht sehr tiefgründigen gelehrten Werken Tabellen finden über Ähnlichkeiten der Biographien solcher Persönlichkeiten. So können Sie zum Beispiel bei Professor Jensen, Marburg, zusammengestellt finden Ähnlichkeiten in bezug auf die Biographien des altbabylonischen Gilgamesch, des Moses, des Jesus, des Paulus. Da stellt er ganz hübsche Tabellen auf. Er nimmt gewisse Züge aus dem Leben jeder dieser Persönlichkeiten heraus — diese einzelnen Züge kann man ganz gut gegenüberstellen -, und es ergeben sich dabei ganz wunderbar merkwürdige Ähnlichkeiten, Ähnlichkeiten, vor denen wirklich unser materialistischer Sinn ganz verblüfft ist. Die Schlußfolgerung, die daraus gezogen ist, ist natürlich die, daß eine Mythe von der anderen abgeschrieben ist, daß der Schreiber des Jesuslebens abgeschrieben hat aus der Biographie des altbabylonischen Gilgamesch, daß die Moses-Biographie nur der Abklatsch eines alten Epos ist. Und die letzte Schlußfolgerung ist dann die, daß keiner von allen, weder Moses noch Jesus noch Paulus, als physische Persönlichkeit existiert habe! Gewöhnlich ahnen die Menschen gar nicht, wie weit heute die sogenannte Forschung ist in bezug auf diese materialistische Ausdeutung der Sache.
Cite:
GA 123/1910-09-12_02/p021 · edition original