{"corpus":"steiner","locus":"GA 124/1910-12-06_02/p005","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn wir nun die vorchristlichen Zeiten verfolgen, so finden wir, daß zahlreiche Menschen in den verschiedenen Mysterienstätten eingeweiht wurden - nicht immer in der ganz gleichen, aber im wesentlichen in derselben Art - und hinaufgeführt wurden die Stufen bis zu jenem Punkt, wo sie hineinschauen konnten in die geistige Welt, wo sie die Wesenheiten der einzelnen Hierarchien geisthaft - im Gegensatz zu leibhaft - vor sich haben konnten. Das war so in den vorchristlichen Zeiten. Was bedeutet das Christentum gegenüber diesen Eingeweihten der alten Mysterien? Was bedeutet ihnen gegenüber der Christus-Impuls? Er bedeutet, daß eine Wesenheit, die äußerlich für die Wahrnehmung des physischen Planes bekannt war als Jesus von Nazareth, nicht auf dem gewöhnlichen Wege der alten Mysterien, nicht so wie es in den vorchristlichen Zeiten immer üblich war, die Geheimnisse der geistigen Welt offenbarte, sondern in einer andern Art. Eine Persönlichkeit, die im Sinne der alten Einweihungsritualien initiiert worden war, konnte, wenn das große Ereignis, das ich eben charakterisiert habe, an ihrer Seele vorbeigegangen war, hinaustreten zu den andern Menschen und sprechen von den Geheimnissen der geistigen Reiche. Nun war aber mit dem Christus-Ereignis etwas da, wodurch die Persönlichkeit des Jesus von Nazareth von den Geheimnissen der geistigen Reiche sprechen konnte, ohne auf dem von altersher üblichen Wege dazu geführt worden zu sein. Denn diese Persönlichkeit des Jesus von Nazareth wurde dazu geführt dadurch, daß sie bei der sogenannten Jordan-Taufe in sich empfing den Christus-Geist. Von dem Augenblick an, da diese Persönlichkeit bei der Jordan-Taufe, also in einem historischen Ereignis, sozusagen weltgeschichtlich eingeweiht wurde, von diesem Moment an sprach der Christus-Geist — aber in einer viel höheren Weise - von den Geheimnissen der geistigen Reiche zur Umwelt. Es war also mit dem Christus etwas da auf dem physischen Plan, offen für alle Welt, was vorher nur in den Tiefen der Mysterien bis zu einem gewissen Grade eben für die Einzuweihenden erreichbar war, so daß sie dann hinausgehen konnten, um von den Geheimnissen der geistigen Reiche zu ihren Mitmenschen zu reden. Wenn wir uns die Sache bildlich vorstellen wollten, könnten wir sagen: Wir blicken hinein in die alten Mysterientempel und sehen, wie von dem Hierophanten die Persönlichkeiten eingeweiht wurden, so daß sie hineinschauen konnten in die geistigen Reiche und dann hinausgehen und lehren konnten von der geistigen Welt. Das alles entwickelte sich immer in dem tiefsten Geheimnis der Mysterientempel. Und in der Außenwelt, außerhalb der Mysterien, war so etwas wie ein Hinaufgelangen zu der Möglichkeit, von den geistigen Reichen zu sprechen, nicht dagewesen. Jetzt war das, was oft und oft in den Tiefen der Mysterien geschehen war, gleichsam herausgetragen nach Palästina, stellte sich dar als weltgeschichtliches Ereignis, als die Entwickelung des Jesus von Nazareth, stellte sich dar als weltgeschichtliche Initiation in dem Mysterium von Golgatha. Also das Mysterium wie hinausgetragen in die Weltgeschichte, hingestellt als historische Tatsache vor aller Welt - so haben wir den Zusammenhang des Mysteriums von Golgatha mit den Mysterien der alten heiligen Tempel aufzufassen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Vierter Vortrag","site_heading":null,"date":"1910-12-06","location":null,"word_count":488,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/124/1910-12-06_02/p005","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/124/1910-12-06_02/p005"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/124/1910-12-06_02/p005","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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