Sechster Vortrag
Der Unterschied ist ein ganz radikaler. Wenn wir das Kind vor dieser Zeit betrachten könnten, würde sich sofort zeigen, daß es vor dem Zeitpunkt, bis zu dem sich später der Mensch zurückerinnert, sich viel mehr in dem allgemeinen makrokosmischen geistigen Leben drinnen fühlt. Es sondert sich noch nicht heraus, isoliert sich noch nicht, rechnet sich vielmehr zu der ganzen Umgebung zugehörig, spricht sich sogar so an, wie die andern es ansprechen. Denn es sagt nicht «ich will», sondern «Karlchen will», und später erst lernt es sich als ein Ich ansprechen - woran neuere Kinderpsychologen herummäkeln, was aber nicht gegen die Wahrheit spricht, sondern nur gegen die Einsicht der betreffenden Psychologen. Das Kind fühlt sich in den ersten Jahren noch in der Umgebung, fühlt sich als ein Glied der ganzen Umgebung. Sich herauszuisolieren aus der Umgebung als selbständiges Wesen, damit beginnt der Mensch erst in dem Zeitpunkt, bis zu dem er sich dann später zurückerinnerrt.
Cite:
GA 124/1911-01-16/p025 · edition original