Neunter Vortrag
So fühlen wir uns mit vollem Verständnisse stehend an einem Zusammenfluß zweier Weltanschauungsströmungen. Die eine soll uns bringen eine vertiefte Auffassung des Christus-Problems, des Mysteriums von Golgatha, und die andere soll bringen neue Begriffe und Ideen über die Wirklichkeit. Beide sind in die Notwendigkeit versetzt, zusammenzuströmen in unserer Zeit. Es wird nicht abgehen ohne die schlimmsten Hindernisse. Denn solche Zeiten, in welchen sich Weltanschauungsströmungen begegnen, treffen viele Hemmungen und Hindernisse. Und es wird in einer gewissen Beziehung die der Geisteswissenschaft anhängende Menschheit mitten hineingestellt sein auf den Platz, wo ganz notwendig sich ergeben wird das Verständnis für solche Dinge. Mancher von denjenigen, die sozusagen unsere Mitglieder sind, könnte vielleicht sagen mit Bezug auf eine Auseinandersetzung, wie sie heute gepflogen worden ist: Was du da sagst, ist schwer verständlich, und wir müssen uns erst lange hineinarbeiten. Warum gibst du uns nicht bequemere Kost, die uns von der Spiritualität der Welt überzeugen könnte, die uns bequemer munden könnte? Warum stellst du solche Anforderungen an das Verständnis der Welt? - Mancher könnte so sprechen und sagen: Wie viel schöner wäre es, wenn wir daran glauben dürften, was uns ein aus dem Altertum unmittelbar übertragener Buddhismus sagen kann: daß wir nicht das Christus-Ereignis so zu denken hätten wie den einen Punkt, an dem die Waage hängt, und daß es neben diesem keinen zweiten solchen geben kann, sondern daß eine Wesenheit wie der Christus sich, wie andere Menschen auch, immer wieder und wieder inkarniert. Warum sagst du nicht: Es wird da oder dort einer im Fleische kommen! - statt so etwas zu sagen, daß sich die Menschen fähig machen müssen, die Wiedererneuerung des Ereignisses vor Damaskus zu erleben? Denn wenn uns gesagt wird: Es wird einer im Fleische kommen -, dann können wir sagen: Da, seht hin, da ist er! wir können ihn mit physischen Augen sehen! — Das ist viel leichter verständlich.
Cite:
GA 124/1911-03-13_02/p032 · edition original