VI. Der heutige Stand der Philosophie und Wissenschaft

GA 125/1910-08-26/p004 ·1910-08-26 · original (original)
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Natürlich kann ich nur einzelne Dinge herausgreifen, aber ich will sie so herausgreifen, daß Sie, wenn ich zu Ende gekommen bin, ein Gefühl haben können, wie das angedeutete Verhältnis etwa zu denken ist. Da will ich zunächst sagen, daß es auf eine empfängliche Seele von vornherein einen gewissen Eindruck machen kann, wenn auf dem Feld der Geisteswissenschaft gesprochen wird von übersinnlichen Erkenntnissen, von dem Hinaufschreiten der seherischen Forschung zur übersinnlichen Erkenntnis. Demjenigen, der da glaubt, aus den Voraussetzungen der Philosophie der Gegenwart heraus an diese Dinge heranschreiten zu müssen, dem kann und muß aber sogleich, wenn überhaupt von so etwas die Rede ist, der Gedanke kommen, daß die Einwendungen, welche die Philosophie gegen mancherlei zu machen hat, was sie unmittelbare Erfahrung, unmittelbare Wahrnehmung nennt, in derselben Weise gelten müssen auch für alles das, was wir sozusagen auf geisteswissenschaftlichem Felde produzieren. Solange wir zum Beispiel unsere seherischen Erlebnisse in solche Worte kleiden, daß wir beim Aussprechen - vielleicht bemerken Sie es gar nicht-uns räumlicher oder zeitlicher Vorstellungen bedienen, sobald uns nachgewiesen werden kann, daß wir das tun, sobald wir nicht in der Lage sind, unsere Terminologie so auszugestalten, daß wir an den entsprechenden Stellen nicht versteckterweise Raum- und Zeitvorstellungen in unsere Feststellungen hineinfügen, so lange kann immer ein Kantianer oder irgendein anderer Erkenntnistheoretiker der Gegenwart kommen und einwenden — entweder in der alten Form oder in den verschiedenen Formen, welche diese Theorien in der neueren Zeit angenommen haben -, daß erkenntnistheoretisch feststehe, Raum und Zeit selber seien bloße Kategorien oder Formen unseres Vorstellens. Wenn wir auch unsere seherischen Ergebnisse in solche Formen einkleiden, die von Zeit und Raum hergenommen sind, gäben wir dennoch schon dadurch etwas, was an unsere Vorstellungsfähigkeit gebunden ist. Also im Grunde - ich weiß, daß der Ausdruck hier anfechtbar ist — drückten wir doch dann mit allen unseren seherischen Ergebnissen nur etwas Subjektives aus. Das ist ein möglicher Einwand, der immer gemacht werden kann. Ich will ihn erwähnen als ein Beispiel von zahlreichen anderen Einwänden, die aus erkenntnistheoretischen Voraussetzungen heraus mit Recht formuliert werden können.

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