VI. Der heutige Stand der Philosophie und Wissenschaft
Wenn wir bloß vom Denkerischen sprechen — ich weiß alles, was eingewendet werden kann gegen das, was jetzt gesagt wird, aber die Sache wird sich für jeden, der in die Geistesentwickelung des 19. Jahrhunderts eindringt, doch so darstellen -, wenn wir vom rein Denkerischen zunächst ausgehen, dann müssen wir sagen, daß in bezug auf die Schärfe des Denkens, in bezug auf Gedankenkristallisation in der Seele ein gewisser Höhepunkt philosophischer Entwickelung doch durch Hegel erreicht worden ist. Man mißversteht Hegel, wenn man so leichtfertig über ihn redet, wie es seine Gegner in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts getan haben. Sie haben sich vorgestellt, daß Hegel darauf ausgehe, alles aus dem reinen Gedanken an Inhalt herauszuspinnen, was er über die Welt zu sagen hat. Sie haben nur nicht berücksichtigt: Hegel erhebt nirgends die Prätention, daß das menschliche Subjekt irgend etwas von wirklichem Weltinhalt aus dem reinen Gedanken herausheben wolle. Man muß berücksichtigen: Hegel steht durchaus auf dem Standpunkt, daß der Gedanke selbst, der innerlich lebendige Gedanke, der regsame und produktive Gedanke es ist, der aus sich heraus den Welteninhalt holt, und daß wir mit unserem Erkenntnissubjekt nichts anderes sind als der Schauplatz, auf dem der Gedanke arbeitet. Wenn wir die Sache so, wie sie sich tatsächlich im Verlauf des geistigen Lebens darstellt, nehmen, so müssen wir sagen: In dieser Tendenz Hegels liegt seine ganze monumentale Größe. Aber auch: es liegt die ganze Schwäche der Hegelschen Philosophie darin. Die Größe darin, daß Hegel für jeden, der sich wirklich mit ihm durchdringen will, in einer vorher schier ungeahnten Weise der Lehrer für eine Disziplin des Denkens werden kann, wie wir sie uns auf keinem anderen Weg erwerben können. Gerade der Theosoph sollte sich diese starke Disziplin des Denkens aneignen. Kommt doch eine Unsumme von Irrtümern, von unrichtigen Überzeugungen einfach dadurch zustande, daß unser Denken es nicht bis zur kristallenen Klarheit einer denkerischen Disziplin bringen kann, wie man durch das Hegelsche System sie lernen kann. Man kann sich durch das Hegelsche System erziehen. Man sollte sozusagen in jedem Vortrag, wo man die Verantwortung gegenüber Erkenntnis und Wahrheit fühlt, von den Ergebnissen solcher denkerischen Disziplin durchdrungen sein. Man sollte sich angewöhnen, an keiner Stelle ein Wort zu gebrauchen, das nicht seinem vollen Umfang und Inhalt nach von uns zuerst empfunden und erlebt worden ist. Wenn man, vordringend durch das, was manchem so abstrakt, so trocken und nüchtern erscheint, vordringend durch die Hegelsche Logik, sich diese Disziplin des Denkens einimpft, dann kommt man dazu, niemals zu sprechen von dem Wort Sein, Werden, Dasein als an solchen Stellen, wo in dem gesamten Gefüge des Vortrags diese Worte eingefügt werden dürfen, weil man zuerst den ganzen Werdegang des Inhaltes solcher Begriffe, von den einfachsten, leersten Begriffen bis zu den inhaltsvollsten verfolgt hat. Von dieser inneren Disziplin des Gedankens ist im Grunde genommen auch der philosophisch Vortragende von heute und die ganze heutige Literatur ungeheuer weit entfernt. Ich könnte Ihnen leicht den Nachweis führen, daß in weltberühmten philosophischen Büchern der Gegenwart die Autoren nicht einmal in der Lage sind, über drei Zeilen hin prägnant und genau den Inhalt eines Begriffes festzuhalten und nach drei Zeilen bereits einen Begriff, den sie vorher gebraucht haben, in ganz anderer Art wieder gebrauchen. Daß dann eine innere Verworrenheit des ganzen Gebäudes eintreten muß, welches unsere Gedanken darstellen, erscheint ganz selbstverständlich. Es wäre, wie gesagt, ein leichtes, Ihnen das an weltberühmten philosophischen Büchern der Gegenwart nachzuweisen.
Cite:
GA 125/1910-08-26/p008 · edition original