VI. Der heutige Stand der Philosophie und Wissenschaft
Wenn wir das alles ins Auge fassen, können wir fragen: Wie kommt es denn, daß sich die Philosophie selber so abgeneigt zeigt, auf jene logischen Formen einzugehen, durch welche ebenso festgestellt werden kann das, was von der anderen Seite kommt, wie erkenntnistheoretisch festgestellt werden kann dasjenige, was von der einen Seite kommt? — Das kommt davon her, daß diese Philosophie des 19. Jahrhunderts und in das 20. Jahrhundert herein bis jetzt versäumt hat, den Schritt zu machen, der aus dem richtig verstandenen Hegeltum heraus hätte gemacht werden sollen. Und so kommt es, daß diese Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts keinen Anschluß finden konnte an das, was jenseits des Gedankenplanes liegt. Allerdings ist der tiefere Grund darin zu suchen, daß die Hegelsche Philosophie von der weiter sich fortentwickelnden Philosophie wenig verstanden worden ist. Denn wenn man sich zum reinen Gedankenplan herauferhebt, dann ist es ganz. unumgänglich — weil man an der Grenze der übersinnlichen Welt steht —, daß man auch jene logischen Begründungen fühlen kann, die als etwas Berechtigtes das Einfließen der übersinnlichen Welt erkennen lassen. Das können Sie so recht fühlen, wenn Ihnen in den gar nicht genug zu schätzenden Vorträgen unseres lieben Dr. Unger entgegentritt dieses Erheben der menschlichen Erkenntniskraft zum reinen Gedanken und dann das Hereinleuchtenlassen der höheren Welten. Daher muß betont werden: Es gereicht zum größten Segen, daß wir in der Lage sind, eine solche Kraft unter uns zu haben, wie Dr. Unger es ist, der auf diesem spirituell-philosophischen Gebiet in der Lage ist, die Erkenntnistheorie des reinen Denkens des Erkenntnissubjektes, welches als Ich auf dem Gedankenplan liegt, im einzelnen auszuarbeiten, auszuführen. Und so haben Sie gerade in diesen Vorträgen das gegeben, was Ihnen Anhaltspunkte geben kann, um Festigkeit zu gewinnen im Verhalten zwischen der Geisteswissenschaft und den anderen geistigen Bestrebungen.
Cite:
GA 125/1910-08-26/p012 · edition original