VI. Der heutige Stand der Philosophie und Wissenschaft

GA 125/1910-08-26/p013 ·1910-08-26 · original (original)
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Wenn Sie diese Philosophie verfolgen, die zum Teil schon in Dr. Ungers Ausführungen gewonnen ist, zum Teil noch gewonnen werden wird, und wenn auf dem eingeschlagenen Wege weitergeschritten wird, dann werden Sie sehen, daß diese Philosophie als Philosophie einen ganz anderen Charakter tragen wird als das, was heute als zeitgenössische Philosophie existiert. Ein wirklich nicht unbeträchtlicher Denker hat erst vor kurzem von letzterer etwas gesagt, was im Grunde gar nicht angefochten werden kann. Wenn man unbefangen den Blick auf das schweifen läßt, was in Deutschland und anderen Ländern zutage gefördert wird, dann sieht man, daß es sich wirklich bewahrheitet, was dieser Denker gesagt hat, nämlich: wir hätten heute eine Metaphysik ohne transzendentale Überzeugung, eine Erkenntnistheorie ohne objektive Bedeutung, eine Logik ohne Inhalt, eine Psychologie ohne Seele, eine Ethik ohne Verbindlichkeit und eine Religion ohne Vernunftgrundlage. — Das ist eine Charakteristik unserer Zeit aus der unmittelbaren Empfindung eines nicht unbeträchtlichen Philosophen der Gegenwart. Wie gesagt, ich möchte Tatsachen sprechen lassen, sprechen lassen das, was geschieht. Ob gesagt werden muß, daß er nicht Lust hat, sich auf den geisteswissenschaftlichen Weg zu begeben, oder ob er es nach seinen Gedankensuggestionen nicht kann, mag dahingestellt bleiben — aber gesagt werden muß, daß so derjenige denken kann, der voll im zeitgenössischen Getriebe steht, der aber aus dem Element des Denkens heraus nicht den Ausweg finden kann zu einem übersinnlichen Inhalt. Da müssen gewisse denkerische Voraussetzungen erfüllt werden, wie sie sich eigentlich heute in keiner anderen Philosophie finden als in dem, was ich versuchte in meinem Buch über «Wahrheit und Wissenschaft» zu begründen, in dem, was in der «Philosophie der Freiheit» gegeben ist und in den sorgfältig ausgeführten Gedankenoperatiönen Dr. Ungers. Da ist aus dem geisteswissenschaftlichen Feld heraus der Ansatz zu einer tatkräftigen Philosophie gegeben, welche es vermeidet, überall das Theosophische hineinzumischen in ihre Ausführungen, welche streng philosophisch sein will und gerade durch diese strenge Wissenschaftlichkeit ihre Aufgabe in die Zukunft hinein erfüllen wird.

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