VI. Der heutige Stand der Philosophie und Wissenschaft
Nun fragen wir uns aber: Woher kommt es denn, daß, nachdem geglaubt worden ist, das Hegeltum abgetan zu haben, das Denken des 19. Jahrhunderts sich in allen Kulturländern nicht aufschwingen konnte zu einer solchen philosophischen Verarbeitung des Denkerischen in unserem Erkenntnissubjekt - woher kommt das? Es kann nicht meine Aufgabe sein, auf die tiefen kulturhistorischen Gründe einzugehen — an manchen Stellen tue ich das -, ich möchte heute auf dem Gebiet des rein philosophischen Charakterisierens bleiben. Das kommt daher, daß sich Tatsachen vollzogen haben, daß dem, der den Gang des Geisteslebens der fünfziger, sechziger, siebziger, achtziger Jahre aufmerksam verfolgt, nicht entgehen kann, wie im Grunde genommen nur auf einem einzigen Gebiet in der Geistesentwickelung des 19. Jahrhunderts das Denken selber stark geblieben ist, wie es sonst überall zu stumpf geworden ist, um die in ihm selbst gelegenen Konsequenzen jeweilig zu‘ ziehen. Nur auf einem einzigen Gebiet fordert auch dem strengen Denken des Geistesforschers die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. Jahrhunderts die höchste Achtung ab, und dies ist kein anderes als die Mathematik. Alles, was auf dem Umfang des mathematischen Gebietes geleistet worden ist, trägt doch die Spuren eines scharfen, durchdringenden Denkens in sich. Daher konnte auch der, welcher zum Beispiel seine naturwissenschaftlich theoretischen Studien etwa in der theoretischen Physik und Chemie gegen das Ende des 19. Jahrhunderts machte, so sehr das Gefühl haben: an den Mathematikern liegt es nicht, was uns da überliefert wird an komplizierten Formeln, die man hat absolvieren müssen, wenn man beispielsweise an die Wärmelehre herangetreten ist, an die Vibrationstheorie, an die Clausiussche Theorie und so weiter. Wenn man das durchgemacht hatte, es philosophisch in sich hatte, hatte man das Gefühl: an den Mathematikern liegt es nicht — die Mathematik ist ein wunderbares Instrument geworden, um alles in fein ziselierten Systemen auszuarbeiten; stumpf waren aber die denkerischen Waffen. So konnte man das Gefühl haben, wenn man mit den mathematischen Formeln auf den verschiedenen Gebieten der Physik und Chemie arbeitete: soweit man rein innerhalb des Mathematischen bleibt, fühlt man überall Sicherheit, sobald man zur philosophischen Charakteristik dessen kommt, was man eigentlich berechnet, ist der Boden überall schwankend. So erwies er sich aus den Köpfen derer heraus, die dazumal philosophisch sprachen. Da war nichts anderes zu spüren als der reinste philosophische Dilettantismus, der sich besonders dann zeigte, wenn Naturforscher anfingen zu philosophieren, wie etwa Da Bois-Reymond in seinen «Sieben Welträtseln» oder in seinem Vortrag «Über die Grenzen des Naturerkennens». Das ist aber nicht besser geworden. So dürfen wir denn sagen: Wir haben die eigentümliche Erscheinung erlebt, daß das Denkerische, so wie es notwendig von der Geisteswissenschaft verlangt werden muß, stark und exakt nur innerhalb der Mathematik geblieben ist. — Die strengen Anforderungen an das Denken werden heute nicht befriedigt auf irgendeinem anderen Gebiet der Forschung - die strengen Anforderungen, die wir vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus stellen — als auf dem mathematischen Gebiet.
Cite:
GA 125/1910-08-26/p014 · edition original