{"corpus":"steiner","locus":"GA 125/1910-08-26/p020","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Es ist überhaupt nützlich, wenn man wenigstens jene Strenge kennt, welche sich der Mensch durch mathematische Schulung aneignen kann. Denn alles, was mit Berechtigung auf geisteswissenschaftlichem Gebiet produziert wird, muß, insofern ein denkerisches Element dabei in Betracht kommt, von diesem streng disziplinierten Denken durchtränkt sein. Das mag hinter den Tatsachen verschwinden; aber wer geisteswissenschaftlich produziert, sollte sich bewußt sein, daß dieses Denken im Hintergrunde stehen sollte. Sonst wird Geisteswissenschaft etwas sein, das leicht von dem, der außer dem Geistigen lebt, zu Tode getreten werden kann. Und man wird nicht überall sagen können, daß böser Wille vorliegt, wenn wir nicht verstanden werden. Das muß nämlich auf geisteswissenschaftlichem Gebiet immer mehr und mehr hervortreten, daß wir an unser eigenes Denken die Anforderungen stellen, die, man möchte sagen, der strengste Mathematiker an sich stellt. Dadurch, daß uns die seherische Forschung zu Gebote steht, werden wir davor geschützt sein, gleichsam in den Wind hinein mathematische Gebäude zu bauen. Ich sage das, weil eben auch manches Kontra gegen das Gebäude der Riemannschen und Lobatschewskijschen Geometrie zu sagen ist. Ich wollte nur die Erkenntnissehnsucht charakterisieren. Daß es aber nützlich wäre, mit mathematischem Gefüge bekannt zu sein, das versuchte ich in meiner «Philosophie der Freiheit» zu zeigen. Darin ist ein Kapitel, das ich nennen möchte «Über den Lustwert des Lebens». Bis zu dem Augenblick, in dem ich dieses Kapitel über den Lustwert des Lebens geschrieben hatte, sprach man in philosophischen Kreisen viel von der Lustbilanz des Lebens, und man setzte in eine scheinbar mathematische Formel, welche die Lustbilanz geben sollte, die 'Tatsachenwelt so ein, daß man meinetwillen alle Lust eines Lebens summierte zu einem a und alle Unlust desselben Lebens zu einem b, und die Differenz etwa die Lustbilanz nannte, den Überschuß von Lust über Unlust. Man hat, wenn man Lust und Unlust so in eine Formel bringt, eine Differenz gewählt, dasjenige gewählt, was man die mathematische Formel der Subtraktion nennen kann. Das Wesentliche in jenem Kapitel ist, daß ich gezeigt habe, wie es unmöglich ist, Lust und Unlust so zusammenzufassen, daß sie in ein Verhältnis von Minuend und Subtrahend gebracht werden. Was man da herausbringt, wird mit der wirklichen Erfahrung niemals stimmen. Ich habe gezeigt, daß man den Lustwert nur dann bekommt, wenn man es so macht: Wenn man das a dividiert durch das 5, dann gibt das c als Quotient den Lustwert:","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"VI. Der heutige Stand der Philosophie und Wissenschaft","site_heading":null,"date":"1910-08-26","location":null,"word_count":387,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/125/1910-08-26/p020","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/125/1910-08-26/p020"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/125/1910-08-26/p020","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}