VI. Der heutige Stand der Philosophie und Wissenschaft
— all diese Formeln gelten für unsere unmittelbaren Verhältnisse —, mit diesen Begriffen wendet er sich zur absoluten Mechanik. Hegel hat im Aufsteigen seines wissenschaftlichen Systems den Gang durchgemacht von der sogenannten endlichen Mechanik zur absoluten Mechanik, die er anwendet auf die Bewegung der Himmelskörper. Da verwandeln sich die Formeln, so daß man einfach die Formeln, die man an der Dampfmaschine gewinnt, an unseren gewöhnlichen Wärmeverhältnissen im Helmholtzschen Sinne, gar nicht anwenden dürfte auf die Prozesse, die größere Entitäten des Raums umfassen. Aber um solch einen Gedanken schon einzusehen, die Möglichkeit einzusehen, daß man von einer endlichen Mechanik zu einer absoluten aufsteigen kann, dazu gehört eine innerlich sich selbst dirigierende Logik, die eben der Philosophie des 19. Jahrhunderts und auch Karl Rosenkranz fehlte. Denn durch seine ganzen Einwendungen hindurch geht die immerwährende starke Suggestion, der er auch hingegeben ist, welche ausgeht von den überwältigenden naturwissenschaftlichen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts. Die kriegen vieles Denken unter. — Dazu gehört wirklich sich selbst dirigierendes Denken, wenn man durch diese naturwissenschaftlichen Anschauungen durchstechen will. Ich könnte leicht nachweisen, daß bis in das Gesetz von der sogenannten Erhaltung der Materie hinein, das eine so große Rolle spielt, das Richtige nur bekannt werden kann, wenn man das innere Gefüge des Denkens kennt. Ich könnte den Nachweis führen, daß dieses Gesetz, wie es heute in der Physik vorhanden ist, nichts anderes ist als ein Hinausprojizieren von eigenen Denkgesetzen in den Raum, wobei das Denken noch dazu mit stumpfen Waffen arbeitet. Wir sehen hier dasjenige, was wir auf geisteswissenschaftlichem Gebiete heute kennen: daß in höheren Gebieten objektiv uns erscheint, was in uns selbst ist - ich will gar nicht sprechen von der Erhaltung der Kraft -, daß in weiterem Sinn noch gilt, was ich selber jetzt angeführt habe in bezug auf die Erhaltung der Materie. So sehen wir, wie durch die Suggestion der naturwissenschaftlichen Feststellungen, denen gegenüber man auf rein tatsächlichem Boden bleiben sollte, auf diesem Gebiete das denkerische Element des Menschen sich stumpf erwiesen hat, weil die Philosophie nicht in der Lage war, die Decke zu durchstechen, die gebildet wird nicht aus der naturwissenschaftlichen Tatsachenforschung, sondern aus der Auslegung der erforschten Tatsachen. Geisteswissenschaft steht voll auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Tatsachen. Ich würde es als einen der größten Mängel der Geisteswissenschaft ansehen, wenn sie nicht Hand in Hand gehen wollte mit einer wirklichen naturwissenschaftlichen Tatsachenforschung. Aber etwas anderes ist die Auslegung der erforschten Tatsachen. Wenn uns die Naturforscher das erzählen, was sie im Laboratorium zustande bringen an Tatsachenobjekten, dann müssen wir dankbar ihre Feststellungen entgegennehmen, dann nehmen wir die Aussprüche der Natur selber entgegen, und leugnen wir sie, dann sind wir in einem Unsinn befangen. Geben wir uns ihnen nicht hin, dann zeigen wir, daß wir keinen Wahrheitssinn haben. Wollten wir aber auch die sogenannten monistischen Erwägungen nehmen und uns aufdrängen lassen, daß das Tatsachen sind, dann würden wir die Meinungen der Menschen als Tatsachen nehmen. Das geschieht aber dadurch, daß sich die Meinungen der Menschen tückisch, möchte ich sagen — aber keinen trifft die Schuld als Fanatiker -, in die populäre Literatur eingeschlichen haben. Wir können um eine Mark zwanzig nicht nur naturwissenschaftliche Tatsachen überliefert erhalten, sondern auch die Meinungen, die so auftreten, als wenn sie Tatsachen wären, die sozusagen so unterstrichen sind, daß, wenn der Mensch nicht an sie glaubt, er nicht an die naturwissenschaftlichen Ergebnisse glaubt. Man kann aber an letzteren festhalten und trotzdem sagen, daß die Auslegungen nichts anderes sind als Interpretationen, von stumpfen Denkerwaffen vorgenommen.
Cite:
GA 125/1910-08-26/p028 · edition original