VI. Der heutige Stand der Philosophie und Wissenschaft

GA 125/1910-08-26/p031 ·1910-08-26 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Was ich so für die Physiologie charakterisiert habe, könnte ich Ihnen für die Biologie, für die Geschichte und Kulturgeschichte charakterisieren. Da sehen Sie ein Arbeitsfeld, das vor uns liegt, das bebaut werden muß. Da sehen Sie lebendig die Lage der gegenwärtigen Philosophie und Wissenschaft gegenüber dem, was wir, ich möchte sagen, durch die Gunst der Verhältnisse, durch unser Menschheitskarma an positiven Ergebnissen haben. Rund um uns herum sind durch die Tatsachenforschung die schönsten Ergebnisse. Wer sich mit diesen Tatsachen bekanntmacht, erblickt einen wunderbaren Werdegang. Woran es fehlt, das ist die scharfe Eindringlichkeit, die Energie des philosophischen Denkens, das doch erst, wenn es angewendet wird - aber mutvoll angewendet wird auf die Tatsachen -, dann diese Tatsachen in ihrem richtigen Licht darstellen kann. Das lag erkenntnistheoretisch ausgesprochen in meiner grundlegenden erkenntnistheoretischen Schrift «Wahrheit und Wissenschaft». Da finden Sie hingewiesen auf jene Art von Erkenntnistheorie, welche damit rechnet, daß unsere Erkenntnistheorie nicht ohne objektive Bedeutung bleibt, sondern so auftreten muß, daß in den erkenntnistheoretischen Ergebnissen Befruchtung unseres Erkenntnissubjektes liegt, so daß dieses untertauchen kann in das, was uns durch die sonstige Lage der Wissenschaft gegeben ist. Wenn wir aus den Anfängen, die sich aus unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung herausentwickeln sollten auf diesem Gebiete, auf allen Gebieten der Wissenschaft in der richtigen Weise mit Ernst und Würde arbeiten, wenn wir nicht bei einem gewissen theosophischen Dilettantismus bleiben, sondern uns streng hineinversenken in das, was auch wissenschaftlich gegeben ist, werden wir dazu kommen - statt, wie es wirklich heute der Fall ist, eine Metaphysik ohne transzendentale Überzeugung zu haben -, eine Metaphysik zu haben, welche durch die Waffen, die ihr geprägt werden von einer produktiven Erkenntnistheorie, eindringt durch das äußere Feld der Sinnlichkeit in das Übersinnliche. Dann wird sie eine Überzeugung haben, weil sie ruhen wird auf einer Erkenntnistheorie, weil sie das menschliche Erkenntnissubjekt wird befruchten können. Logik wird ihren Inhalt bekommen, weil die Denkgesetze sich als Weltgesetze ergeben werden. Es wird Ethik auch das haben können, was man Verbindlichkeit wird nennen können, weil das produktive Erkennen sich in unsere Impulse ergießt. Wir werden eine Ethik mit Verbindlichkeit haben. Dann werden wir auch das haben, was nicht eine Psychologie ohne Seele, sondern eine Psychologie mit der Seele ist, denn auf die Fragen nach der Seele und ihrem Schicksal in der Welt geht doch die menschliche Erkenntnissehnsucht.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/125/1910-08-26/p031.json
Cite: GA 125/1910-08-26/p031 · edition original