{"corpus":"steiner","locus":"GA 125/1910-12-11/p014","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Sie alle kennen jene Eigenschaft der Menschen, die man so häufig findet und die man nennen könnte: Kritikasterei und Tadelsucht, das Aufmerken auf die Fehler unserer Nebenmenschen. Wenn sich jemand sagen muß: Ich bin ein neidischer Mensch, ich will nicht haben, daß meine Mitmenschen Vorzüge haben -, fühlt er sich schlecht. Er fühlt, daß er das bekämpfen muß. Wenn er sich aber sagen kann: Der oder die hat das oder jenes Schreckliche getan -, da fühlt er, daß die Tadelsucht in gewisser Weise berechtigt ist, da fühlt er sich so recht in seinem Element. Denken Sie sich doch einmal, wenn das nicht so wäre, wie viele Kaffeegesellschaften und Biergesellschaften wegfallen müßten, wo im Grunde genommen so sehr häufig nichts anderes getan wird, als daß man dieser Kritikasterei und Tadelsucht die Zügel schießen läßt. Und da findet sich der Mensch dann vor sich selbst gerechtfertigt. Er sagt sich: Ja, man sieht die Fehler, man muß sie sehen, man kann sich die Augen nicht verschließen. — Es handelt sich nur darum, aus welchen Gründen wir die Fehler unserer Mitmenschen sehen, ob wir sein der Absicht sehen, das Leben zu verbessern, oder ob wir einem Hang unserer Seele folgen, der oftmals nichts anderes ist als ein maskierter Neid. Den Neid bekämpfen die Menschen, weil sie ihn hassen, aber sie können ihn nicht ausreißen, weil sie zu schwach sind. So nimmt er das Gewand der Tadelsucht an und wandert in der Seele auf diese Weise weiter. Dann hat man den Neid nicht bekämpft, man hat ihn nur in eine andere Metamorphose gezwungen. In Wahrheit ist dann das geschehen, daß der Mensch den Luzifer bekämpft hat, weil er über den Neid der Regent wie über vieles ist. Aber Luzifer sagt dann zu Ahriman, wenn ich mich so ausdrücken darf: Sieh, lieber Ahriman, mein Regiment des Neides haßt der Mensch, er will nicht neidisch sein. Nun nimm du ihn in bezug auf diese Eigenschaft! Dann sagt Ahriman: Ja, dann werde ich das in den Ätherleib hineinpressen. — Und es wird in den Ätherleib hineingepreßt als Tadelsucht, als Kritikasterei, als irregeführtes Urteil über die Mitwelt. Denn Urteilsfähigkeit hat immer etwas zu tun mit den Bewegungen und Kräften des Ätherleibes. Da geht dann das Regiment in bezug auf unsere Seele von Luzifer auf Ahriman über. Und so treten viele Eigenschaften, die wir, wenn sie sich uns in ihrer ursprünglichen Gestalt zeigen würden, haßten und bekämpften, maskiert auf. Da treten sie manchmal so auf, daß wir sie eigentlich sehr gerechtfertigt finden und uns sogar etwas zugute darauf tun, daß wir uns aufschwingen können, das Richtige im Leben zu sehen. Dann sind wir so recht in den Fangarmen der anderen Macht, der ahrimanischen Macht. Da dürfen wir nicht vergessen, daß eine Eigenschaft viel gefährlicher ist, wenn sie in der Maske auftritt, als wenn sie in ursprünglicher Gestalt auftritt. Daher ist es immer gut zu fragen, wenn wir dieses oder jenes im Leben sehen: Ist das nicht vielleicht bloß eine verwandelte andere Untugend? — Das ist außerordentlich notwendig, daß wir so das Leben in seiner Wahrheit betrachten lernen. Das können wir im Grunde genommen nur, wenn wir die Richtlinien, die uns die anthroposophische Weisheit gibt, benützen, um das Leben ordentlich anzuschauen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"VIII. Karmische Wirkungen Anthroposophie als Lebenspraxis","site_heading":null,"date":"1910-12-11","location":null,"word_count":530,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/125/1910-12-11/p014","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/125/1910-12-11/p014"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/125/1910-12-11/p014","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}