VIII. Karmische Wirkungen Anthroposophie Als Lebenspraxis
Nun müssen wir sagen: Was so im Leben auftritt als diese oder jene Untugend, sei es in wahrer Gestalt, sei es in der Maske, das sehen wir oftmals schon karmisch wirksam in einer einzelnen Inkarnation. Wir brauchen gar nicht den Übergang von einer Inkarnation in die andere abzuwarten. Wir sehen in einer Inkarnation schon die karmische Auswirkung einer Eigenschaft, die in irgendeiner Lebensepoche auftritt. Und diejenigen, die das Leben wirklich betrachten wollen und ein wenig darauf achten, daß man das Leben nicht kennenlernt, wenn man morgen immer schon vergißt, was heute geschehen ist, sondern wenn man längere Lebensepochen der Menschen ins Auge faßt, die werden Karma schon wirksam finden auch in einer Verkörperung, in einem Leben. Es ist wirklich notwendig, daß man in gewisser Weise sehr, sehr sorgfältig darauf achtet, wie die Sünden des Lebens sich im Grunde genommen erst nach Jahrzehnten zeigen. Aber die Menschen sind ein vergeßliches Geschlecht. Von all den Rassen, die beim Menschengeschlecht anfangen und sich in alle höheren Welten hinauf erstrecken, sind die Menschen wirklich das vergeßlichste Geschlecht. Wenn wir mit irgend jemand auch Jahrzehnte bekannt sind, wir vergessen, was vor zehn Jahren zutage getreten ist, wir lassen das sehr gern aus dem Gedächtnis schwinden. Ich habe vielleicht auch schon hier ein kleines Beispiel erwähnt, das uns aber wiederum zeigen kann, wie wir das Leben in größeren Zeiträumen betrachten müssen, wenn wir es in seiner wahren Gestalt erkennen wollen — etwas Äußerliches, das ich nur einschieben will. Es handelt sich um die Zeit, in welcher ich Gelegenheit hatte, in verschiedenen Familien viele Kinder zu beobachten. Wenn man Kinder erzieht, hat man ja nicht nur diejenigen Kinder zu beobachten, die man selber zu erziehen hat, sondern auch die mehr oder weniger kleinen Sprößlinge der Onkel, Tanten, Nichten und Neffen und so weiter. Und da kann man sich manches für das Leben notieren. Nun, es ist ja lange her, die Moden ändern sich. Es war damals, als ich Kinder zu erziehen hatte, Mode, daß zur Stärkung kleiner Kinder von den Erziehern manchmal am Tage recht viele Dosen Rotwein zu den Mahlzeiten gegeben worden sind. Es war so, man hat das für etwas Gutes gehalten. Wenn man sich das dazumal notiert hat: dies und dies Kind hat Rotwein bekommen und das andere nicht, kann man jetzt, wenn man wieder Gelegenheit hat, wie ich es immer versuche zu beobachten, was aus diesen Kindern geworden ist, eigentümliche Erkenntnisse sammeln. Ich kann sagen: die zwei- bis drei- bis vierjährigen Kinder von dazumal - jetzt Menschen von siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig Jahren -, die als Kinder Rotwein bekommen haben, sind zappelige, nervöse Menschen, haben es manchmal außerordentlich schwierig, sich im Leben zurechtzufinden. Natürlich darf man nicht bloß über fünf Jahre seine Beobachtungen anstellen. Das ist heute so sehr Usus, daß man dieses oder jenes ausprobiert, und wenn es in den nächsten Monaten einigen Erfolg zeigt, flugs ist es ein weitverbreitetes Heilmittel. Es sind auch auf diesem Gebiet die Menschen vergeßlich. Wieviel Heilmittel nach fünf Jahren außer Mode gekommen sind, haben die Menschen auch wieder vergessen. Aber, wie gesagt, wenn man über Jahrzehnte seine Beobachtung ausdehnt, dann kann man schon spüren, wie das Leben wirkt. Es ist wirklich ein großer Unterschied zwischen den Kindern, die dazumal Rotwein bekommen haben, und denen, die keinen bekommen haben. Aber man müßte erst drei Jahrzehnte seine Beobachtungen sozusagen anstellen, um das zu sehen. Und so ist es ja. Das habe ich eingeflochten, um zu zeigen, daß es notwendig ist, wenn man Karma am Werke sehen will, nicht vergeßlich zu sein, sondern seine Beobachtungen über größere Zeiträume zu erstrecken. So ist es auch mit dem, was mehr in seelischer Weise zutage tritt.
Cite:
GA 125/1910-12-11/p015 · edition original