VIII. Karmische Wirkungen Anthroposophie Als Lebenspraxis
Natürlich, fruchtbar wird die Sache erst, wenn wir uns fragen: Was sollen wir nun tun gegenüber einem solchen schwachen Menschenkinde? Da brauchen wir uns nur zu fragen: Was erscheint uns denn moralisch als das Beste schon im gewöhnlichen Leben, wenn uns jemand mit seinem Neid und seiner Tadelsucht verfolgt? Vielleicht ist es im gewöhnlichen alltäglichen Leben nicht immer möglich, das Beste auszuführen. Was erscheint uns aber als das Beste? - Nun ganz gewiß erscheint uns das Verzeihen, das Vergeben als das Allerbeste. Man kann sagen: Unser Leben ist vielleicht nicht so, daß wir immer vergeben können, aber das Beste ist ohne Zweifel das Vergeben, und das Wirksamste und auch das Fruchtbarste im Leben ist das Verzeihen. Können wir vom gewöhnlichen Leben schon sagen: Es ist das Beste, wenn wir es auch nicht immer ausführen können, das Verzeihen, so zeigt sich, daß aber unter allen Umständen die wirkliche Anwendung des Prinzips des Verzeihens dann am richtigen Platz ist, wenn wir als karmische Wirkung aus früheren Inkarnationen das konstatieren müssen, was ich gesagt habe. Wenn ein schwaches Menschenkind in unsere Umgebung hereingeboren oder mit uns zusammengeführt worden ist, müssen wir uns dann sagen: Da Karma nicht bloß eine theoretische Idee bleiben soll, müssen wir uns denken, daß wir die Beneideten, die Verklatschten waren. Jetzt können wir unter allen Umständen in unserem tiefsten Herzen das Gefühl der Verzeihung, der Vergebung üben. — Wir können sozusagen ein solches Menschenkind wie einhüllen in eine Atmosphäre von immer wieder rege gemachten Verzeihungsgefühlen. Wenn man das täte im Leben, wenn man sich zusammengeführt fühlt mit Menschen, die schwach sind, und würde nicht bloß theoretisch die Idee des Verzeihens fassen, sondern immer erneut in der Seele die Empfindungen rege machen, ich habe dir etwas zu verzeihen, ich will dir verzeihen, und immer erneuern dieses Gefühl, dann wäre das eine praktische Einführung der anthroposophischen Gesinnung ins Leben. Man würde schon die Wirkung sehen. Man versuche einmal, das praktisch durchzuführen, und man wird sehen, daß die Menschen, denen man auf diese Weise verzeiht und das Gefühl des Verzeihens immer erneut, wenn sie schwach in unsere Umgebung hereingeboren werden, dann aufblühen, daß unser Gefühl eine gesundende, aufblühenlassende Wirkung auf sie hat. Und wir können zu Heilern, zu Gesundern der Menschen, mit denen uns Karma zusammengeführt hat, dadurch werden. So wird Anthroposophie, wenn wir sie nicht bloß als eine Summe von Ideen betrachten, die uns interessieren, fruchtbar. Es ist im Grunde genommen recht egoistisch, wenn wir anfangen, uns für Anthroposophie zu begeistern, weil uns die Gedanken der Anthroposophie begeistern, uns als wahr erscheinen. Denn was befriedigen wir dann? Wir befriedigen das, was unsere Sehnsucht nach einer harmonischen Weltanschauung ist. Das ist sehr schön. Das Größere ist aber, wenn wir unser ganzes Leben durchdringen von dem, was sich aus diesen Ideen ergibt; wenn die Ideen in die Hände, in jeden Schritt und in alles gehen, was wir erleben und tun. Dann erst wird Anthroposophie ein Lebensprinzip, und bevor sie das nicht wird, hat sie keinen Wert.
Cite:
GA 125/1910-12-11/p024 · edition original