Dritter Vortrag
Das sind Dinge, die bekannt sind aus dem Zyklus über die Apokalypse. Jetzt aber müssen wir darauf Rücksicht nehmen, daß für den ersten Zeitraum, den indischen, der Mensch in bezug auf seine Entwickelung noch unterhalb dessen war, worin das Ich lebt; daß im Grunde genommen die altindische, die vorvedische Kultur eine im wesentlichen inspirierte Kultur war, das heißt also eine Kultur, welche gleichsam in die menschliche Seele einfloß ohne jene Arbeit des Ich, welche wir heute als unsere Gedanken- und Vorstellungsarbeit kennen. Der Mensch muß sich seit der ägyptischen Kulturperiode sozusagen aktiv verhalten mit seinem Ich. Er muß sein Ich durch die Sinne herumwenden in dem Umkreis der Außenwelt, damit er Eindrücke empfängt; er muß gewissermaßen bei dem Sich-Fortarbeiten mit seinem eigenen Anteil aktiv dabei sein. Die altindische Kultur war eine mehr passive Kultur, eine Kultur, die sozusagen errungen wurde durch eine Hingabe an das, was wie eine Inspiration in die menschliche Wesenheit hereinfloß. Daher wird es auch begreiflich erscheinen, daß wir diese altindische Kultur auf eine andere Tätigkeit zurückzuführen haben als diejenige, die heute das menschliche Ich ausführt; daß sozusagen die heutige Tätigkeit des Ich für die damalige indische Seele dadurch ersetzt werden mußte, daß sich in die menschliche Wesenheit höhere Wesenheiten hineinsenkten und die menschliche Seele inspirierten. Wenn wir fragen, was damals sozusagen von außen her in diese menschliche Seele hineingebracht wurde, was hineingesenkt wurde von Wesenheiten der höheren Hierarchien, dann können wir sagen: Es ist dasselbe, was später einmal der Mensch erringen wird als seine eigene Tätigkeit, als seine eigene Aktivität, wenn er sich emporgehoben haben wird zu dem, was wir als Atma oder Geistesmensch bezeichnen. Mit anderen Worten, es wird sich in der Zukunft die menschliche Individualität zu einem Einarbeiten in Atma emporheben. Dieses Einarbeiten wird eine Eigenarbeit der menschlichen Seele, des menschlichen Wesenskernes sein, etwas, was mit dem innersten Wesen unmittelbar verbunden ist. Und so wie dann der Mensch selbst in sich arbeiten wird, so arbeiteten Wesenheiten höherer Hierarchien an der indischen Seele. Wenn wir beschreiben wollen, was in den Atherleibern der indischen Seelen vorging, so können wir sagen: Es arbeitete gleichsam noch ein verdunkeltes, im Dämmerschlummer liegendes Ich-Bewußtsein, es arbeitete Atma im Ätherleib. Wir können ganz gut sagen, daß die alte indische Seele ein Schauplatz war, auf dem sich im Grunde genommen eine übermenschliche Arbeit abspielte: ein Arbeiten höherer Wesenheiten innerhalb des Atherleibes der alten Inder. Und das, was da hineinverwoben wurde in den Ätherleib, war eine Arbeit, wie sie der Mensch später in der angedeuteten Weise erreichen wird, wenn Atma am Ätherleib arbeitet. — In der persischen Kultur war es dann so, daß Buddhi oder der Lebensgeist im Astralleib, im Empfindungsleib arbeitete. — Und in der chaldäisch-babylonisch-ägyptischen Kultur arbeitete dann Manas oder Geistselbst in der Empfindungsseele. So also ist in der ägyptisch-babylonisch-chaldäischen Kultur immer noch nicht ausgeprägt ein volles aktives Arbeiten des Ich innerhalb der Seele selbst. Der Mensch ist, wenn auch in geringerem Grade als vorher, doch noch ein passiver Schauplatz für eine Arbeit des Manas in der Empfindungsseele. Erst in der griechisch-lateinischen Zeit tritt sozusagen der Mensch voll aktiv in sein eigenes Seelenleben ein. Wir wissen ja, daß es die Verstandesseele ist, in der sich das Ich als selbständiges inneres menschliches Glied zuerst geltend macht, und wir können deshalb sagen: Innerhalb der griechischen Kultur arbeitet in der Tat das Ich im Ich, das heißt, der Mensch als solcher im Menschen. Wir werden noch sehen im Verlaufe dieser Vorträge, daß innerhalb der griechischen Epoche das Eigenartige der damaligen Kultur gerade dadurch hervortritt, daß das Ich im Ich arbeitet.
Cite:
GA 126/1910-12-29/p007 · edition original