Dritter Vortrag
Wenn wir dieses Bild der menschlichen Geschichte, der okkulten Geschichte uns vor Augen stellen, dann werden wir es begreiflich finden, daß eine Seele, die in der indischen und dann in der persischen Epoche inkarniert war, durchdrungen sein konnte von dem inspirierenden Elemente einer Individualität der höheren Hierarchien; daß dann aber, als sie eintrat in die griechisch-lateinische Zeit, diese Seele mit sich allein war, daß diese Seele so arbeitete, daß das Ich im Ich eben arbeitete. Alles das, was in der vorgriechischen Epoche für alle einzelnen Zyklen der nachatlantischen Kulturen wie eine göttliche Eingebung, wie eine Offenbarung von oben erscheint — und es gilt das auch noch im Beginne der griechischen Kulturperiode für das 9., 10., 11. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit -, was sich uns darstellt als eine inspirierte Kultur, in die von außen einfließt, was sie geistig erhalten soll, das gestaltet sich immer mehr und mehr dazu, rein menschlich-persönlich sich darzuleben. Und am stärksten findet das seinen Ausdruck gerade eben im Griechentum. Einen solchen Ausdruck des äußeren Menschen, wie er sich in der physischen Welt darlebt, für das, was der Mensch als auf sich gestellte Ich-Wesenheit ist, hat keine Zeit vorher gesehen und wird keine Zeit nachher wieder sehen können. Das rein Menschlich-Persönliche, das ganz in sich abgeschlossene Menschlich-Persönliche tritt in der antiken Lebensweise des Griechen und in seinen Schöpfungen historisch zutage. Vergleichen wir, wie in seine Göttergestalten der griechische Plastiker hineingeheimnißt hat das Menschlich-Persönliche! Wir können sagen: So wie uns ein griechisches plastisches Kunstwerk entgegentritt, soweit es durch physische Mittel zu erkennen ist, so steht der Mensch ganz als Persönlichkeit vor uns. Und wenn wir bei den Kunstwerken der Griechen nicht vergessen könnten, daß dieser Inkarnation, die uns da ausgedrückt wird, andere Inkarnationen vorangingen: und andere folgen werden, wenn wir nur einen Augenblick denken würden, daß der Apollogestalt und Zeusgestalt nur eine einzelne Inkarnation aus vielen zugrundeliegt, so würden wir nicht richtig empfinden dem griechischen Kunstwerk gegenüber. Da müssen wir vergessen können, daß der Mensch in aufeinanderfolgenden Inkarnationen sich verkörperte. Da ist die Persönlichkeit ganz hineingegossen in die Form der einen Persönlichkeit. Und so war das ganze Leben der Griechen.
Cite:
GA 126/1910-12-29/p014 · edition original