Dritter Vortrag

GA 126/1910-12-29/p024 ·1910-12-29 · original (original)
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Aber noch ein anderes Gefühl sollte namentlich entwickelt werden als ein Hauptgefühl neben mancherlei anderem. Wenn der Mensch eindringen soll in die geistige Welt, dann muß er sich klar sein, daß dort alles anders ist als in der physischen Welt. Wie vor einem völlig Unbekannten muß man stehen, wenn man der geistigen Welt Auge in Auge gegenübertritt. Da ist wirklich das Gefühl vorhanden, durch das man in Gefahr gerät, das Gefühl der Furcht vor dem Unbekannten. Und deshalb mußte die Seele in solchen Mysterien durchleben alles, was die Seele des Menschen überhaupt an Furcht und Angst und Schreck und Grauen erleben konnte, um sich abzugewöhnen die Gefühle von Furcht und Angst und Schreck und Grauen. Dann war der Mensch gewappnet, hinaufzusteigen in die ihrem Inhalte nach ihm unbekannte geistige Welt. So mußte also die Seele des Schülers der Mysterien durchgehen durch die Erziehung zum umfassenden universellen Gefühl des Mitleids und zum universellen Gefühl der Furchtlosigkeit. Das machte jede Seele in denjenigen alten Mysterien durch, an denen Eabani teilnahm, als er wieder erschienen war in der Inkarnation, die zwischen Eabani und Aristoteles steht. Das machte auch er durch. Und nun trat das wie eine Erinnerung an frühere Inkarnationen in Aristoteles zutage. Er konnte deshalb die Theorie der Tragödie geben, weil er aus solchen Erinnerungen heraus beim Anschauen der griechischen Tragödie darauf kam, wie in dieser ein Nachklang ist, gleichsam ein äußeres, auf den physischen Plan herausgetragenes Nachspiel der Mysterienerziehung, wo die Seele durch Mitleid und Furcht geläutert wird. So sollte der dramatische Held und der ganze Aufbau einer Tragödie vor den Zuschauern etwas darleben, woran der Zuschauer abgeschwächt erleben kann Mitleid mit dem Schicksal des tragischen Helden und Furcht vor dem Ausgang seines Schicksals, vor dem schauervollen Tod, der ihm winkt. So war hineinverwoben in den dramatischen Fortgang der Tragödie, in das Weben und Leben der Tragödie, was in der Seele des alten Mysten vorging: die Läuterung, die Reinigung, die Katharsis durch Furcht und Mitleid. Und wie ein Nachklang sollte auf dem physischen Plan der Angehörige der griechischen Kulturperiode empfinden den Durchgang durch Furcht und Mitleid. Künstlerisch sollte man erleben, ästhetisch genießen das, was früher ein großes Erziehungsprinzip war. Und als das, was Aristoteles in früheren Inkarnationen gelernt hatte, in seine Persönlichkeit kam, da war er der geeignete Mann, diese eigenartige Definition der Tragödie zu geben, die so klassisch geworden ist und so großartig gewirkt hat, daß sie im 18. Jahrhundert noch von Lessing aufgenommen wurde und durch das 19. Jahrhundert hindurch eine solche Rolle gespielt hat, daß über diese Definition ganze Bibliotheken geschrieben worden sind. Man würde übrigens nicht viel verlieren, wenn der größte Teil dessen, was in den Bibliotheken liegt, verbrannt würde, denn es wurde mit einem vollständigen Verkennen dessen geschrieben, was vorhin gesagt worden ist, daß wir es nämlich damit zu tun haben, daß in die Kunst etwas herunterprojiziert wird, was im Geistigen liegt. Und die das schrieben, ahnten nicht, daß Aristoteles ein altes Mysteriengeheimnis gab, wenn er sagte: Eine Tragödie ist eine Zusammenfügung aufeinanderfolgender Handlungen, die gruppiert werden um einen Helden und die geeignet sind, im Zuschauer das Gefühl von Furcht und Mitleid zu erregen, damit eine Läuterung in der Seele des Zuschauers eintreten könne.

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Cite: GA 126/1910-12-29/p024 · edition original