{"corpus":"steiner","locus":"GA 127/1911-01-08/p011","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Aber abgesehen davon, nehmen wir jetzt nur einmal den Inhalt der Bewußtseinsseele an, der in Meinungen besteht. Nehmen wir etwas, was ungeheuer logisch erscheinen mag, wovon wir uns einbilden können, daß wir diese Meinungen am denkbar logischsten begründen, so kann man mit diesen logischen Gründen bei den Mitmenschen doch nicht viel anfangen. Logische Begründungen wirken eigentlich zunächst im äußeren Leben nicht, und es ist sogar das Normale, daß sie nicht wirken. Daher ist es leicht, Menschen im jugendlichen Alter, im Kindesalter zu unseren Meinungen zu bekehren. Später ist das immer weniger der Fall. Denn das Kind stellt uns nicht nur seine Bewußtseinsseele entgegen, sondern auch die Verstandesseele und die Empfindungsseele. Es stellt uns seine ganze Persönlichkeit entgegen. Und das, wodurch wir überzeugen, hängt an allem anderen mehr als an der Bewußtseinsseele. Da wirkt der Wille, das Gefühl hinauf. Wenn die Willensrichtung, die Gefühle, verschieden sind beim Menschen, dann lassen sich die verschiedensten Standpunkte in der logischsten Weise begründen. Dennoch sind die Menschen im gegenwärtigen Menschheitszyklus so recht selbständig nur in bezug auf die Bewußtseinsseele, weniger in bezug auf die anderen Seelenglieder. Fühlen Sie einmal, wie sich Meinungen bilden: der Mensch ist ganz frei, sich diesen oder jenen Begriffszusammenhang als seine Meinung zu bilden. Weniger frei ist er, wenn der Inhalt der Verstandesseele in Betracht kommt. Da fühlt sich der Mensch gar nicht frei, sonst könnten ihm seine Gefühle und Empfindungen nicht so manchen Streich spielen. Wir können in unseren Meinungen ganz einig sein mit uns, daß dieses oder jenes uns eigentlich mißfallen müßte, aber das Gemüt spricht anders, läßt uns doch Gefallen finden an der Sache. Der Umstand, daß das Gemüt in Zwiespalt sein kann mit den Meinungen, kann uns zeigen, daß der Mensch nicht so frei ist in bezug auf das Gefühl wie in bezug auf die Meinungen. Am stärksten unfrei fühlt sich der Mensch bei alledem, was den Willen und so weiter anbetrifft, bei allem, was in der Empfindungsseele ist. Der Zwiespalt ist zuweilen gar sehr groß zwischen den herrlichsten Vorsätzen, zwischen der Meinung, daß dies oder jenes nicht gut ist, und dem Trieb, dem Affekt zu jenem. Ein drastisches Beispiel ist folgendes: Ein Lehrer, der ein zorniges Kind hat, sieht in der Verstandesseele ein, daß der Zorn ausgetrieben werden muß. Da es ihm auf gutem Wege nicht gelingt, wirft er ihm das Tintenfaß an den Kopf, er wird selbst zornig. Da haben wir den schönsten Zwiespalt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Einiges Über Das Innere Der Menschlichen Seele Und Ihr Verhältnis Zur Welt","site_heading":null,"date":"1911-01-08","location":null,"word_count":399,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/127/1911-01-08/p011","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/127/1911-01-08/p011"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/127/1911-01-08/p011","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}