Einiges Über Das Innere Der Menschlichen Seele Und Ihr Verhältnis Zur Welt
Sie werden verstehen, daß mit einer solchen Bewegung, die auf der Grundlage der spirituellen Weisheit aufgebaut ist, und wo die tieferen Kräfte der Menschenseele zur Isolation wachgerufen werden sollen, nicht nur verbunden werden darf die Neugierde nach den spirituellen Welten — das darf im Grunde genommen gar nicht der Impuls sein zur Geistesforschung -, sondern das Gefühl der Verantwortlichkeit. Durch diese Bewegung wird jede Zukunftsfähigkeit der Menschen in unsere Zeit hineingeholt, es wird ein Zukunftskeim aufgerufen, der jetzt im allgemeinen noch nicht reif ist. Das müssen wir uns vor Augen halten und uns klar sein, wie wir sorgsam darauf zu achten haben, daß, auch wenn die Seele schön und sympathisch sein mag innerhalb der spirituellen Bewegung, wir demgegenüber doch wachsam zu sein haben auf ihr drohende Gefahren und das Gefühl der Verantwortung wachrufen müssen. Wenn die Seele unreif an spirituelle Dinge herantritt, ist doch Gefahr vorhanden. Diese Gefahr merkt nicht ein jeder. Wer etwas tiefer in der Bewegung steht, der weiß und muß wissen — wenn er nicht zusammenbrechen will unter dem Unerträglichen —, wie er immer auf der Hut sein muß, nur das zu sagen, was nicht einmal oder zehnmal, sondern was hundertmal durch seine Seele gezogen ist! Es ist schwer, in bezug auf Spirituelles die Worte so zu prägen, daß sie adäquat sind. Es muß sich im ganzen Kreise der Anthroposophen eine bestimmte Meinung bilden: die Meinung, daß sie verlangen von denen, welche die Bewegung vertreten, daß sie die Wahrheit in diesem Sinne ernst nehmen. Man darf nicht glauben, daß man als Redner jeden Abend sich nur so einfach hinstellen könne, ohne immer wieder und wieder diese Wahrheiten durch seine Seele ziehen zu lassen, damit sie richtig geprägt sind bis auf das Wort. Die Schwierigkeit, die darin liegt, nur den Mund aufmachen zu können für spirituelle Wahrheiten, ist das eine. Das andere ist, daß diejenigen, die in einer solchen Bewegung stehen, in gewisser Weise sogar darauf zu achten haben, daß dieses Gefühl vorhanden sei bei den Vertretern der Bewegung. Aber auch der, welcher noch nicht tief darinnensteht, hat darauf zu achten, daß seiner Seele nicht dieses oder jenes passiert, und es sollte sich der Mensch immer und immer wieder fragen: Bin ich auch reif, eine spirituelle Bewegung zu vertreten? Muß ich mich nicht so hereinstellen in die Bewegung, daß die Dinge der spirituellen Welt überhaupt noch stärker auf mich wirken? - Es soll niemand entmutigt werden, aber jeder soll das Gefühl in sich wachrufen: Wenn ich auch durch den Zwang der Überlieferung und Erziehung das getan habe, was das Gute und Richtige ist, so ist da eine Grenze vorhanden, an der bei Vertretung des Richtigen nicht nur die Engel, Erzengel und Geister der Persönlichkeit stehen, sondern wo auch Luzifer und Ahriman stehen. Immer wieder kann man beobachten, daß Menschen, die wahrheitsliebend waren, anfangen zu lügen, wenn geisteswissenschaftliche Wahrheiten auf sie einwirken, weil sie nicht genügend sich gesagt haben: Vor allen Dingen mußt du dich reif machen, mußt du die spirituellen Wahrheiten auf dich wirken lassen, mußt nicht dich sprechen lassen! — Solcher Verantwortung muß man sich bewußt sein. Aber es wäre feige zu sagen: Dann will ich mich nicht hineinstellen in die spirituelle Bewegung. Nicht dadurch, daß man der Pflicht ausweicht, die Vorsicht zu beachten, verhält man sich in richtiger Weise, sondern dadurch, daß man diese Pflicht richtig beachtet. Mit dem Gesagten hängt vieles, vieles von dem zusammen, was zu allen Zeiten ein Kennzeichen der fortschreitenden geistigen Bewegung war.
Cite:
GA 127/1911-01-08/p018 · edition original