Weisheit, Frommigkeit und Lebenssicherheit
Wenn der Mensch anfängt, so zu denken und zu leben, dann findet er auch das Gleichmaß gegenüber der ihn umgebenden Welt. Diese Gedanken regeln und harmonisieren auch seine übrigen Empfindungen. In die Theosophie werden viele Untugenden der äußeren Welt hereingetragen. Sie kommen nicht von der 'Theosophie her, sondern daher, daß die Menschen sie von draußen hereintragen. Denken wir uns einmal einen Menschen, der draußen in der Welt fleißig und emsig war, aber so, daß diejenigen, die in seiner Umgebung leben, sagen: Es ist Ehrgeiz, was ihn emsig sein läßt, er übernimmt sich, er ruiniert seine Kräfte, er achtet nicht darauf, daß dies Arbeiten eine Grenze haben muß. — Nunmehr kommt er an die Theosophie heran. Da begegnet er ganz anderen Ideen, als er sie vorher gehabt hat. Aber diese allgemeine Eigenschaft, die er draußen hatte, kann er auch in die Theosophie hineintragen. Da hört er etwa, daß ein gewisses Studium notwendig ist, um die Seele vorwärtszubringen. Nun, so studiert er, aber er studiert so wie ein Student, der seinen Kollegen den Rang ablaufen will. Er sollte lernen, Gleichmaß zu üben in seinen Kräften; er sollte beachten lernen, wieviel er nach den ihm karmisch zugeteilten Kräften leisten kann; er sollte nicht im Übermaß theosophische Studien treiben. So hat er vielleicht gehört, daß es für die spirituelle Entwickelung gut sein soll, kein Fleisch zu essen, und er fragt sich nicht: Ist es auch für meinen Körper gut? — Er enthält sich des Fleisches, um seine Entwickelung zu beschleunigen. Aber wir sollen durch die Theosophie lernen: Ich habe erst zu erforschen, ob mein Karma erlaubt, daß ich gleich die höchsten Regeln befolge. - Ruhige und demütige Beobachtung des eigenen Karmas, der eigenen Fähigkeiten und Kräfte eignen wir uns an, wenn wir uns in der richtigen Weise einlassen auf das, was die Geisteswissenschaft uns geben kann. Gerade diejenigen, die okkult am meisten fortgeschritten sind, beobachten die geltende Regel des Gleichmaßes am genauesten. Manchmal geschieht jedoch das Gegenteil: Wenn die äußeren Verhältnisse einer richtigen Schulung widerstreben, so will man sich Zwang antun, man drängt zu dem gesteckten Ziele hin, man rackert sich im Geiste ab, um auf eine Frage, die auftaucht, sogleich eine Antwort zu erhalten. Der Fortgeschrittene tut dies nie. Er wird sich zunächst klarmachen: Diese Frage liegt vor. Dann prüft er sich: Bist du jetzt in diesem Augenblick fähig, volle Antwort auf die Frage zu erlangen? Warte einmal - so sagt er sich —, ob die Wesenheiten aus der geistigen Welt dir diese Antwort zuteil werden lassen. - Wenn er erst zerren und schieben soll, verzichtet er vorläufig. Er weiß, er muß warten. Er kann warten, weil er von der Ewigkeitsdauer des Lebens durchdrungen ist, und weil er weiß, daß das Karma, das er nicht außer acht läßt, jedem gibt, was ihm werden soll. Dann kommt irgendein Zeitpunkt, da bekommt er einen inneren Wink, und die Mächte der geistigen Welt offenbaren ihm die Antwort. Vielleicht geschieht das nach Jahren, vielleicht erst nach mehreren Inkarnationen. Das charakterisiert die richtige Gesinnung: Warten können, Geduld, Gleichmaß entwickeln, nichts übereilen.
Cite:
GA 127/1911-02-23/p014 · edition original