{"corpus":"steiner","locus":"GA 127/1911-12-19/p008","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"> Es war einmal ein Knabe,  \n> Der wuchs als armer Förstersleute einzig Kind  \n> In Waldeseinsamkeit heran. —  \n> Er lernte außer seinen Eltern  \n> Nur wenig Menschen kennen.  \n> Er war von schwachem Gliederbau:  \n> Durchscheinend fast war seine Haut.  \n> Man konnte lang ins Aug’ ihm schaun;  \n> Es barg die tiefsten Geisteswunder.  \n> Und wenn auch wenig Menschen nur  \n> Des Knaben Lebenskreis betraten,  \n> Es fehlte ihm an Freunden nicht.  \n> Wenn in den nahen Bergen  \n> Erglühte golden Sonnenhelle,  \n> Dann sog des Knaben sinnend Auge  \n> Das Geistesgold in seine Seele ein:  \n> Und seines Herzens Wesen,  \n> Es ward so morgensonnengleich.  \n> Doch wenn durch finstre Wolken  \n> Der Morgensonne Strahl nicht drang  \n> Und düstre Stimmung alle Berge überzog,  \n> Da ward des Knaben Auge trüb  \n> Und wehmutvoll sein Herz - —.  \n> So war er hingegeben ganz  \n> Dem Geistesweben seiner engen Welt,  \n> Die er nicht fremder fühlte seinem Wesen  \n> Als seines Leibes Glieder.  \n> Es waren ihm ja Freunde auch  \n> Des Waldes Bäume und die Blumen;  \n> Es sprachen Geisteswesen aus den Kronen,  \n> Den Kelchen und den Wipfeln -,  \n> Verstehen konnte er ihr Raunen - —.  \n> Geheimer Welten Wunderdinge  \n> Erschlossen sich dem Knaben,  \n> Wenn seine Seele sich besprach  \n> Mit dem, was leblos nur  \n> Den meisten Menschen gilt.  \n> Und sorgend oft vermißten abendlich  \n> Die Eltern den geliebten Sprossen. —  \n> An einem nahen Orte war er dann,  \n> Wo aus den Felsen eine Quelle drang  \n> Und tausendfach zerstäubend  \n> Die Wassertropfen über Steine sprengte.  \n> Wenn Mondeslichtes Silberglanz  \n> In Farbenfunkelspielen zauberhaft  \n> Sich spiegelt’ in des Wassers Tropfenstrom,  \n> Da konnt’ der Knabe stundenlang  \n> Am Felsenquell verharren.  \n> Und Formen, geisterhaft gebildet,  \n> Erstanden vor dem Knabenseherblick  \n> Im Wassertreiben und im Mondenlichtgeflimmer.  \n> Zu dreien Frauenbildern wurden sie,  \n> Die ihm von jenen Dingen sprachen,  \n> Nach denen seiner Seele Trieb gerichtet. —  \n> Und als in einer milden Sommernacht  \n> Der Knabe wieder an der Quelle saß,  \n> Ergriff der Frauen eine viele tausend Stäubchen  \n> Des bunten Wassertropfenwesens  \n> Und reichte sie der zweiten Frau.  \n> Die formte aus den Tropfenstäubchen  \n> Ein silberglänzend Kelchgefäß  \n> Und reichte es der dritten Frau.  \n> Die füllte es mit Mondessilberlicht  \n> Und gab es so dem Knaben.  \n> Der hatte alles dies geschaut  \n> Mit seinem Knabenseherblick. —  \n> Ihm träumte in der Nacht,  \n> Die dem Erlebnis folgte,  \n> Wie er beraubt des Kelches  \n> Durch einen wilden Drachen ward.  \n> Nach dieser Nacht erlebte jener Knabe  \n> Nur dreimal noch das Quellenwunder.  \n> Dann blieben ihm die Frauen fort,  \n> Auch wenn der Knabe sinnend saß  \n> Am Felsenquell im Mondensilberlicht.  \n> Und als dreihundertsechzig Wochen  \n> Zum dritten Mal verstrichen waren,  \n> War längst der Knabe Mann geworden  \n> Und von dem Elternhause und dem Waldesgrund  \n> In eine fremde Stadt gezogen.  \n> Da sann er eines Abends,  \n> Von harter Arbeit müde,  \n> Was ihm das Leben wohl noch bringen möge.  \n> Es fühlte sich der Knabe plötzlich  \n> Nach seinem Felsenquell entrückt;  \n> Und wieder konnte er die Wasserfrauen schauen.  \n> Und dieses Mal sie sprechen hören.  \n> Es sagte ihm die erste:  \n> Gedenke meiner jeder Zeit,  \n> Wenn einsam du dich fühlst im Leben.  \n> Ich lock’ des Menschen Seelenblick  \n> In Atherfernen und in Sternenweiten,  \n> Und wer mich fühlen will,  \n> Dem reiche ich den Lebenshoffnungstrank  \n> Aus meinem Wunderbecher. —  \n> Und auch die zweite sprach:  \n> Vergiß mich nicht in Augenblicken,  \n> Die deinem Lebensmute drohen.  \n> Ich lenk’ des Menschen Herzenstriebe  \n> In Seelengründe und auf Geisteshöhn.  \n> Und wer die Kräfte sucht bei mir,  \n> Dem schmiede ich die Lebensglaubensstärke  \n> Mit meinem Wunderhammer. —  \n> Die dritte ließ sich so vernehmen:  \n> Zu mir erheb’ dein Geistesauge,  \n> Wenn Lebensrätsel dich bestürmen.  \n> Ich spinne die Gedankenfäden  \n> In Lebenslabyrinthen und in Seelentiefen,  \n> nd wer zu mir Vertrauen hegt,  \n> Dem wirke ich die Lebensliebesstrahlen  \n> Auf meinem Wunderwebestuhl. — — —  \n> Es träumt’ in jener Nacht,  \n> Die dem Erlebnis folgte,  \n> Dem Manne, daß ein wilder Drache  \n> In Kreisen um ihn her sich schlich  \n> Und nicht ihm nahen konnte:  \n> Es schützten ihn vor jenem Drachen  \n> Die Wesen, die er einst am Felsenquell geschaut  \n> Und die aus seiner Heimat  \n> Mit ihm zum fremden Ort gezogen waren.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Three Lectures on the Mystery Dramas","date":"1911-12-19","location":null,"word_count":746,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/127/1911-12-19/p008","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/127/1911-12-19/p008"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/127/1911-12-19/p008","paragraph_aligned":true}]}