Three Lectures on the Mystery Dramas

GA 127/1911-12-19/p011 ·1911-12-19 · original (original)

Man kann sagen: Eigentlich muß man das kleine, anspruchslose Märchen wirklich außerordentlich bezeichnend finden, man möchte sagen für die Welthistorik der Märchenstimmung in unserer Zeit. Denn wahrhaftig, wenn wir den Menschen in seiner Entwickelung im Erdengange betrachten, so sind unter allen Menschen, die sich auf der Erde entwickelt haben, oder von allen Inkarnationen, durch welche Menschen hindurchgegangen sind, oder unter den gegenwärtig inkarnierten Seelen die meisten das, was man mit dem armen Burschen vergleichen kann. Ja, wir sind im Grunde genommen in unserer Gegenwart, im Verhältnis zu den anderen Zeiten, wirklich der arme Bursche und haben nichts als eine kluge Katze. Aber die kluge Katze haben wir ganz zweifellos. Denn die kluge Katze ist gerade unser Verstand, unser Intellekt. Und das, was der Mensch gegenwärtig durch seine Sinne besitzt, was er für die äußere Welt hat durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, ist wahrhaftig im Verhältnisse zu der gesamten kosmischen Welt, zu alledem, was der Mensch durchgemacht hat durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, etwas recht Armseliges. Der arme Bursche sind wir im Grunde genommen alle, und nur unseren Verstand haben wir, der sich ein wenig hermachen kann, um einen gewissen imaginären Besitz uns zuzusprechen. Kurz, wir sind in der gegenwärtigen Lage der arme Bursche, und wir haben die kluge Katze. Aber wir sind nicht bloß der arme Bursche. Wir sind es für unser Bewußtsein. Unser Ich aber wurzelt in verborgenen Tiefen des Seelenlebens. Diese verborgenen Tiefen des Seelenlebens hängen zusammen mit unzähligen Welten und unzähligen kosmischen Geschehnissen. Die alle spielen herein in das Menschenleben. Nur ist der Mensch der Gegenwart ein armer Bursche geworden und weiß von dem allem nichts mehr, kann sich höchstens durch die kluge Katze, durch die Philosophie, allerlei erklären lassen über den Sinn und die Bedeutung dessen, was er mit den Augen sieht oder mit den sonstigen Sinnen wahrnimmt. Und wenn dann der Mensch in der Gegenwart doch von irgend etwas sprechen will, was über die Sinneswelt hinausgeht, wenn er sich irgend etwas verschaffen will, was über die Sinnenwelt hinausgeht, dann tut er es- und er tut es schon seit vielen Jahrhunderten - in der Kunst und in der Dichtung.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/127/1911-12-19/p011.json
Cite: GA 127/1911-12-19/p011 · edition original