Three Lectures on the Mystery Dramas

GA 127/1911-12-19/p018 ·1911-12-19 · original (original)

Das aber, was im Menschen wirksam ist, was der eigentliche König in der Menschennatur ist, ließ sich nicht abhalten, etwas hereinzutragen in die Welt der gewöhnlichen Wirklichkeit aus der Welt, in der die Seele eigentlich wurzelt. Und was da hereingetragen wurde, ist eben die Projektion, das Schattenbild des Erlebten in unsere Welt herein, ist die Welt der Phantasie, der wirklichen Phantasie, nicht der phantastischen, die einfach die Lappen des Lebens zusammenstellt, sondern der wirklichen Phantasie, die ihren Sitz im Inneren der Seele hat, die zu allen Einzelheiten des Schaffens von innen heraus getrieben wird. Naturalistische Phantastik würde gerade den umgekehrten Weg machen von dem, welcher der Weg der wirklichen Phantasie ist. Naturalistische Phantastik würde da und dort ein Motiv aufgreifen, würde die Modelle zu jeder Kunst auch in der äußeren Wirklichkeit suchen und diese Lappen der Wirklichkeit so zusammenfügen, wie es durch eine kombinatorische Phantasie entsteht, wie sie in den Zeiten niedergehender Kunstperioden einzig und allein vorhanden ist. In derjenigen Phantasie, die ein Schattenbild der Imagination ist, arbeitet etwas, was nicht diese, nicht jene einzelne Gestalt hat, was zunächst in äußeren Formen nicht weiß, was sie schaffen soll, wo von innen heraus der Stoff nach dem Schaffen drängt. Dann tritt wie eine Verdunkelung des Lichtprozesses das auf, was sich hingebend als bildhaft nachgestaltende Kunst zu der realen Wirklichkeit neigt. Es ist genau der entgegengesetzte Prozeß zu dem, der im heutigen künstlerischen Schaffen so vielfach zu bemerken ist. Aus einem Zentrum heraus geht alles zu dieser Phantasie, das als ein Geistiges — zunächst einer imaginativen Wirklichkeit — hinter unserer Sinneswirklichkeit steht. Und was da zustande kommt, ist eine Phantasiewirklichkeit. Aber es ist tatsächlich dasjenige, was legitim aus den spirituellen Welten in unsere Wirklichkeit hereinwachsen kann, was sozusagen ein Jegitimer Besitz des armen Burschen werden kann, das heißt des gegenwärtigen Menschen, der auf die Armut der äußeren Sinneswelt beschränkt ist. Und von allen Dichtungsformen am wenigsten an die äußere Wirklichkeit gebunden ist gerade das Märchen. Gehen wir zur Sage, zum Mythos, zur Legende: überall finden wir, daß die Züge, die nur übersinnlichen Gesetzen folgen, durchtränkt werden in Sage und Mythos von den Gesetzen der realen Wirklichkeit, weil man aus dem Geistigen in die äußere Welt hinausgeht, und daß die Quellen, welche historische Quellen sind oder in irgendeiner Weise mit der Historie zusammenhängen, nun mit der historischen Gestalt in Beziehung gesetzt werden. Nur das Märchen läßt sich gar nicht gestalten wie reale Gestalten, es schaltet ganz frei gegenüber den realen Gestalten. Es kann alles, was es in der Wirklichkeit gibt, in beliebiger Weise verwenden und hat es verwendet. Daher ist das Märchen der reinste Sproß des alten primitiven Hellsehens, ist etwas wie eine Abschlagzahlung für das frühere Hellsehen. Mag der Nüchterling, der Pedant, der in allem nur zu einer professoralen Daseinsbetrachtung kommt, es nicht empfinden; er braucht es nicht zu empfinden, aus dem einfachen Grunde nicht, weil er immer bei jeder Wahrheit fragt: Wie stimmt sie zu aller Wirklichkeit?

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/127/1911-12-19/p018.json
Cite: GA 127/1911-12-19/p018 · edition original