Three Lectures on the Mystery Dramas

GA 127/1911-12-19/p019 ·1911-12-19 · original (original)

Eine Gestalt wie Capesius strebt über alles hinaus zur Wahrheit. Er kann nicht zufrieden sein mit der Frage: Wie stimmt eine Wahrheit zur Wirklichkeit? — Denn er sagt sich: Ist eine Wahrheit denn abgetan, wenn man sagt, sie stelle etwas dar, was zur äußeren Welt stimmt? — Die Dinge können wahr und wahr und wahr sein und können richtig und richtig und richtig sein und könnten gerade ebensoviel Beziehung zu der Realität haben wie die Wahrheit jenes semmelholenden Dorfjungen, der ganz richtig gerechnet hat, aber es hatte seine Rechnung keinen Bezug zur Realität, weil er rechnete, er hätte für seine zehn Kreuzer nur fünf Semmeln zu bekommen. Der Semmeljunge machte es ebenso wie der, welcher über die Wirklichkeit philosophiert. Aber man bekam eben in jenem Dorfe auf fünf Semmeln eine drauf, das ist etwas, was mit keiner Philosophie, mit keiner Logik rechnet, das ist eine Wirklichkeit. So kommt für Capesius eben nicht in Frage: Wie stimmt die eine oder die andere Idee, der eine oder der andere Begriff zu der Wirklichkeit? — Capesius aber fragte zuerst: Was erlebt die Menschenseele bei irgendeinem Begriff, den sie sich zunächst bildet? — Daher erlebt die Menschenseele bei alledem, was nur äußere Wirklichkeit sein kann, Ode, Austrocknung, Anlage zu fortwährendem Absterben in der Seele. Daher braucht Capesius die Auffrischung durch die Märchen der Frau Felicia, braucht gerade das, was im Sinne der äußeren Wirklichkeit am allerwenigsten wahr zu sein braucht, einen Inhalt, der real ist, der aber im gewöhnlichen Sinne gar nicht wahr zu sein braucht. Dieser Inhalt bereitet ihn vor, den Weg in die okkulte Welt zu finden.

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