Three Lectures on the Mystery Dramas
Im Märchen ist dem Menschen etwas geblieben, was sich wie ein Nachkomme dessen auslebt, was die Menschen im alten Hellsehen erlebt haben, in einer Form, die gerade dadurch so legitim ist, daß keiner, dem sich das Märchen in die Seele ergießt, Anspruch darauf macht, daß seine Züge mit der äußeren Wirklichkeit stimmen. Und in der Märchenphantasie hat der arme Bursche, der sonst nur die kluge Katze hat, einen Palast, der in die unmittelbare Wirklichkeit hereinragt. Daher kann das Märchen für jedes Lebensalter ein wunderbares geistiges Nahrungsmittel sein. Wenn wir die geeigneten Märchen dem Kinde erzählen, regen wir die kindliche Seele so an, daß sie nicht allein in der Weise der Wirklichkeit zugeführt wird, daß sie immer nur in der Stimmung verharrt bei irgendeinem Begriff, der mit der äußeren Realität stimmt. Denn ein solches Verhältnis zur Wirklichkeit vertrocknet und verödet die Seele, dagegen wird die Seele lebendig und frisch gehalten, so daß sie die Gesamtorganisation des Menschen durchdringt, wenn sie das, was real im höheren Sinne ist, in den gesetzmäßigen Gestalten der Märchenbilder fühlt, die aber doch die Seele ganz über die äußere Welt hinwegheben. Kräftiger für das Leben, lebendiger das Leben erfassend wird der Mensch, wenn in seiner Kindheit Märchen auf seine Seele gewirkt haben.
Cite:
GA 127/1911-12-19/p020 · edition original