{"corpus":"steiner","locus":"GA 128/1911-03-21/p022","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Diese Beziehung ist nun etwas außerordentlich Wichtiges, wenn man den menschlichen Organismus so betrachten will, daß die Betrachtung eine Grundlage für die okkulte Anschauung der menschlichen Natur ergeben kann. Dann müssen wir uns sagen: Beim gewöhnlichen Leben, wie es im allgemeinen verfließt, geschieht der Vorgang so, daß eine Wirkung, die durch den Nerv sich fortpflanzt, in das Blut sich einschreibt wie in eine Tafel und dadurch in das Werkzeug des Ich sich eingeschrieben hat. Nehmen wir aber einmal an, wir würden die Beziehung zwischen Blutlauf und Nerv künstlich unterbrechen, das heißt, wir würden also künstlich den Menschen in eine solche Lage bringen, daß gleichsam der Nerv in seiner Wirksamkeit von dem Blutlauf entfernt wird, so daß sie nicht mehr aufeinander wirken können. Das kann man schematisch in der Weise zeichnen, daß man die beiden Glieder weiter auseinander zeichnet, so daß eine Wechselwirkung zwischen Nerv und Blut nicht mehr stattfinden kann. Da kann die Sache so liegen, daß zunächst auf den Nerven kein Eindruck gemacht wird. So etwas kann man ja erreichen, indem man zum Beispiel den Nerv durchschneidet. Wenn es auf irgendeine Weise zustande kommt, daß ein Nerv durchschnitten ist, daß also auf den Nerv kein Eindruck gemacht wird, dann ist es ja nicht weiter wunderbar, daß der Mensch auch nichts Besonderes durch diesen Nerv erleben kann. Nehmen wir aber an, es werde — trotzdem die Beziehung zwischen Nerv und Blut unterbrochen ist — ein gewisser Eindruck gemacht. Im äußeren Experiment kann das ja dadurch herbeigeführt werden, daß man zum Beispiel durch einen elektrischen Strom den Nerv reizt. Diese äußere Beeinflussung des Nervs geht uns hier aber nichts an. Es gibt aber noch eine andere Beeinflussung des Nervs, die zu einem Zustande führt, wo er auf die Blutbahn nicht wirken kann. Dieser Zustand kann für den menschlichen Organismus herbeigeführt werden — und er wird auch herbeigeführt — durch gewisse Vorstellungen, gewisse Ideen, Empfindungen und Gefühle, die der Mensch erlebt und sich angeeignet hat und die, damit ein solches Experiment gelinge, höhere moralische oder intellektuelle Vorstellungen sein sollten. Wenn der Mensch sich solche Vorstellungen macht, zum Beispiel von Sinnbildern, und sich in scharfer innerer Konzentration der Seele übt, dann bewirkt das, daß er gleichsam den Nerv voll in Anspruch nimmt und ihn dadurch zurückzieht vom Blutlaufe. Wenn der Mensch im wachen Bewußtsein sich den normalen äußeren Eindrücken überläßt, wie sie gerade kommen, dann ist die natürliche Verbindung zwischen Nerv und Blutlauf da. Wenn der Mensch aber sich durch scharfe innere Konzentration von der Wirkung der äußeren Eindrücke abzieht, dann hat er ja das in der Seele, was erst im Bewußtsein entsteht; was Inhalt des Bewußstseins ist, nimmt den Nerv vorzugsweise in Anspruch und trennt dadurch die Nerventätigkeit ab von der Bluttätigkeit. Die Folge einer solchen inneren Konzentration, die — wenn sie stark genug ist— wirklich die Leitung zwischen Nerv und Blut unterbricht, ist, daß der Nerv in einer gewissen Weise befreit wird von dem Zusammenhang mit dem Blutsystem, ja auch befreit wird von dem, wofür das Blutsystem das äußere Werkzeug ist, das heißt also befreit wird von den gewöhnlichen Erlebnissen des Ich. Und es ist in der Tat so — und das kann vollständig experimentell belegt werden -, daß durch die Erlebnisse der geistigen Schulung, die in die höheren Welten hinaufführen soll, durch die anhaltende scharfe Konzentration das gesamte Nervensystem zeitweise dem gewöhnlichen Zusammenhang mit dem Blutsystem und dessen Aufgaben für das Ich entrückt wird. Da tritt nun eine gewisse Folge ein, nämlich die, daß das Nervensystem, das früher seine Wirkung auf die Tafel des Blutes geschrieben hat, nunmehr das, was es als Wirkung in sich enthält, in sich selbst zurücklaufen läßt, in sich zurückniimmt und diese Wirkung nicht bis zum Blut hinkommen läßt. Es ist also möglich, rein durch Vorgänge innerer Konzentration, sein Blutsystem von dem Nervensystem gleichsam abzutrennen und dadurch dasjenige, was sonst in das Ich - bildlich gesprochen — hineingeflossen wäre, zum Zurücklaufen in das Nervensystem zu bringen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1911-03-21","location":null,"word_count":650,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/128/1911-03-21/p022","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/128/1911-03-21/p022"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/128/1911-03-21/p022"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}