Siebenter Vortrag

GA 128/1911-03-27/p014 ·1911-03-27 · original (original)
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Wenn wir das Knochensystem in seiner Gesamtfunktion im menschlichen Organismus einmal eingehend betrachten, so muß uns ja überall auffallen, daß es sich allem bewußten Leben entzieht, und zwar am stärksten von allen Organsystemen. Wenn wir aber nun vom Knochensystem übergehen zu den Organsystemen, die wir das innere Weltsystem des Menschen genannt haben, zum Leber-GalleMilzsystem, zum Lungen-Herzsystem und so weiter, so müssen wir nach dem in den früheren Vorträgen hierüber Mitgeteilten sagen: In hohem Grade sind die Vorgänge innerhalb dieser Systeme auch unserem Bewußtsein entzogen, aber doch nicht ganz so, wie die Vorgänge in unserem Knochensystem. An unser Knochensystem brauchen wir doch viel weniger zu denken, auf dasselbe zu achten als auf die Organe, die eben genannt worden sind. Einige dieser genannten Organe geben sich dem Menschen sogar sehr deutlich in ihren Funktionen kund als etwas, was über das Unbewußte herausragt. Es ist etwa so, wie wenn ein Gegenstand, der im Wasser des Meeres schwimmt, teilweise heraufstößt und wie eine Insel über der Oberfläche sichtbar wird. So dringt zum Beispiel manches von dem, was im Herzen vorgeht, in das Bewußtsein herauf. Sie wissen ja aus Erfahrung, wie besonders hypochondrische Naturen — zu ihrem Schaden natürlich — etwas von den Dingen verspüren, die in ihren inneren Organen vorgehen, allerdings wird es ihnen ganz anders bewußt, als es drinnen vorgeht, aber sie empfinden es doch. Ich spreche jetzt nicht davon, wie es ist, wenn ein gewisser Grad von Erkrankung in den Organen schon eingetreten ist. Beim Krankwerden nämlich wird man sich der Organe bewußt; da liegt aber eine wirkliche Ursache vor, wodurch die Wirkungen der inneren Weltsysteme heraufsteigen bis in das Bewußtsein; sondern ich spreche davon, daß lange nicht diese Grenze erreicht zu werden braucht, welche ein gesunder Mensch gegenüber dem Kranksein hat. Diese Grenze verschiebt sich aber leider recht oft. Was oft schon als Krankheit angesprochen wird, kann durchaus als ein geringerer oder höherer Grad des Hinaufdringens innerer Vorgänge in das Bewußtsein angesehen werden. Wir müssen also wirklich die Ursachen der verschiedenen Krankheiten immer so untersuchen, daß wir uns fragen: Liegen die Ursachen der Schmerzen in Krankheiten der Organe, oder haben wir sie anderswo zu suchen? - Wir wissen ja, daß wir vor dem Ins-Bewußtsein-Treten dessen, was sich da unten im Organismus abspielt, geschützt sind durch das sympathische Nervensystem.

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Cite: GA 128/1911-03-27/p014 · edition original